Literaturwissenschaftler: „Überforderung ist der Königsweg, um Leute abzutörnen“
2018 bekam Sommer sogar den Grimme Online Award dafür. Klassiker spielerisch zusammengefasst – Generationen von Gymnasiasten hätten davon „lange geträumt“, lautete die Begründung der Jury damals. „Natürlich hat das wahnsinnig wenig mit dem Original zu tun“, gibt Sommer zu. „Aber es ist ein erster Schritt, und der macht möglicherweise jemanden neugierig.“ Ganz ähnlich sei es mit vereinfachten Lektüren im Schulunterricht. „Das zu verteufeln, halte ich für nicht besonders pädagogisch kompetent“, stellt er trocken fest.
Was Heine für Schummelei hält, ist für Sommer also unerlässlich, um die Motivation am Leben zu halten. Kleine Schritte, konstante Erfolgserlebnisse – das gilt fürs Pumpen genauso wie fürs Pauken, um die Fitnessmetaphorik wiederaufzunehmen. Andernfalls droht der Übermüdungsbruch. In Sommers Worten: „Überforderung ist der Königsweg, um Leute abzutörnen und dafür zu sorgen, dass Literatur garantiert nicht in ihrem Leben vorkommt.“
Billige Abkürzung oder Motivationsbooster?
Wer von den beiden recht hat, ist pauschal wahrscheinlich gar nicht so leicht zu entscheiden. Eher scheint es davon abhängig zu sein, wie genau solche vereinfachten Texte im Unterricht verwendet werden. Einem Bericht des Tagesspiegels [externer Link] zufolge kommen sie an Berliner Gymnasien vor allem „begleitend“ zum Einsatz. Sie ergänzen die Originale, ersetzen sie jedoch nicht.
Und fragt man an zwei Münchner Gymnasien nach, dann ergibt sich auch dort ein differenzierteres Bild, als vom Kultusministerium gezeichnet („nicht üblich“). Die Klassiker-Reihe von Cornelsen sei durchaus bekannt, heißt es. Verwendet würde sie hin und wieder in den unteren Klassen. In den höheren Stufen käme sie eher in Form von Textvergleichen zum Einsatz. Und ein gutes Erörterungsthema ist die Frage nach dem Einsatz vereinfachter Lektüren im Deutschunterricht sowieso.

