Die Kinder der 4b an der Passauer Hans-Carossa-Grundschule sind mit iPads vertraut. Sie üben das Lesen mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) – mit der App „eKidz“. Die zeichnet die Lesefähigkeit eines Kindes auf, erkennt Stärken und Schwächen und kann individueller fördern. So das Versprechen. In der Praxis funktioniert’s noch nicht reibungslos, sagt Viertklässler Jonas: „Da liest das immer so langsam vor, und das nervt halt.“ Er liest lieber Bücher.
KI-Schulpreis: Leuchttürme im Umgang mit KI gesucht
Wegen ihres Engagements zum Thema KI ist die Hans-Carossa-Grundschule einer von 18 Finalisten des ersten bundesweiten KI-Schulpreises, der am Freitagnachmittag in Heilbronn verliehen wird. Ausgelobt wurde er von der Initiative „Land der Ideen“, die 2006 von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Industrie (BDI) ins Leben gerufen wurde. Mit dem KI-Schulpreis sollen Schulen aller Art ausgezeichnet werden, die mit KI praxisorientiert neue Wege gehen.
Hans-Carossa-Grundschule Passau: Individuelleres Lernen mit KI
Nicht nur beim Lesen sei die KI in Passau eine Hilfe, sagt Lehrerin und KI-Beauftragte Andrea Krüger. Sie werde auch fürs Textverfassen, in Mathe, bei der Unterrichtsvorbereitung oder in der Schülerzeitung eingesetzt. Sogar die Mensa-Essenspläne wurden an der Hans-Carossa-Grundschule mit KI verbessert.
Ihr Kollege Peter Freudenstein sieht aber auch Herausforderungen: „KI in der Schule, das ist ein explodierender Markt. Da tauchen wie die Schwammerl immer wieder neue Programme auf und die Hersteller haben gemerkt, dass viel Geld zu verdienen ist. Jetzt, wo es viele Förderungen dafür gibt, wollen sich viele auch ein großes Stück vom Kuchen abschneiden. Aber tatsächlich ist meine Erfahrung, dass es nur eine Handvoll Apps sind, die man tatsächlich dann auch nutzt.“
KI an Schulen: Chance, aber auch Risiko und Nachholbedarf
Die Universität Regensburg untersucht, ob KI generell beim Lesenlernen hilft. Insgesamt zeige das in Passau verwendete „eKidz“ dabei noch etwas geringere Leistungszuwächse als das in Bayern bewährte, nicht KI-basierte Lesetraining „Filby“. Es eigne sich aber in heterogenen Klassen gut für individuelle Förderung im Bereich Leseflüssigkeit, sagt Anita Schilcher vom Didaktik-Lehrstuhl.
Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) begrüßt das KI-Engagement einiger Schulen grundsätzlich: KI sei Teil der Medienkompetenz, die der Verband als Zukunftskompetenz Nummer eins betrachte. Es dürfe bei den Schülerinnen und Schülern aber keine Abhängigkeit entstehen und der Datenschutz müsse immer voll gegeben sein, so Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit dem BR.
Tirschenreuth: Digitale Selbstständigkeit durch eigenen Server
Die zweite bayerische Finalisten-Schule für den ersten KI-Schulpreis ist das Stiftland-Gymnasium in Tirschenreuth. Hier liegt der Fokus auf digitaler Selbstständigkeit und technologischer Unabhängigkeit: Was passiert eigentlich mit den Daten, die an eine KI geschickt werden?
Die Schule hat deshalb einen eigenen Server beschafft und darauf verschiedene frei verfügbare KI-Sprachmodelle eingerichtet. Manche sind mit dem Internet verbunden, die von allen jederzeit frei nutzbaren allerdings nicht. Wenn am Stiftland-Gymnasium also eine Anfrage an die interne Schul-KI geschickt wird, verlassen die zugehörigen Daten zu keinem Zeitpunkt das Gebäude. Dadurch können dort diverse mögliche KI-Einsatzbereiche, zum Beispiel beim Korrigieren, datensicher ausprobiert werden.
Rund 1.500 Euro hat der dafür nötige Server gebraucht gekostet. Ein eher überschaubarer Betrag: Entscheidender sei, dass es jemanden gebe, der ihn programmieren, einrichten und betreuen kann, sagt der stellvertretende Schulleiter und Informatiklehrer, Martin Putzlocher – der gemeinsam mit einem mehrköpfigen Team aus Lehrkräften und Schulmitarbeitern genau das in Tirschenreuth tut.

