Wenn in Russland im Januar Männer und Frauen mit Pelzmütze in eisige Gewässer steigen, geht es um mehr als nur um Mut oder Extremsport. Der Brauch hat tiefe religiöse Wurzeln. Zum orthodoxen Dreikönigstag, der Epiphanie, tauchen jedes Jahr Millionen russisch-orthodoxe Gläubige in eiskaltes Wasser, um sich von ihren Sünden zu reinigen. Dieser spirituelle, jahrhundertealte Brauch hat dem Eisbaden weltweit Aufmerksamkeit verschafft.
Eisbaden – vom Glaubensritual zum Lifestyle-Trend
Inzwischen ist Winterschwimmen oder Eisbaden zu einem regelrechten Lifestyle-Trend geworden und findet immer mehr Anhänger. In Seen oder Flüssen suchen Menschen den kontrollierten Kälteschock. Der Reiz: intensives Körpergefühl, Adrenalinkick, ein stärkeres Immunsystem und bessere Laune gleich dazu.
Doch so verlockend das klingt: Eisbaden ist kein Wellnessprogramm, sondern ein Extremsport. Wer es ausprobieren will, sollte wissen, was es bringt, wie es richtig geht und wo die Grenzen liegen.
Was bringt Eisbaden wirklich?
Weltweit beschäftigen sich zahlreiche Studien mit den Effekten des Eisschwimmens. Ein internationales Forscherteam hat diese Arbeiten zusammengefasst und ausgewertet [externer Link]. Demnach kann regelmäßiges Schwimmen in kaltem Wasser die Gesundheit positiv beeinflussen, sofern bestimmte Regeln beachtet werden. Regelmäßiges Eisbaden kann das Herz-Kreislauf-System trainieren, die Durchblutung fördern, die Anpassungsfähigkeit der Blutgefäße verbessern und das Immunsystem stärken.
Dazu kommt der psychische Effekt: Beim Kältereiz schüttet der Körper Stress- und Glückshormone wie Adrenalin und Endorphine aus. Viele Eisbadende berichten von einem regelrechten Hochgefühl, das nicht nur Minuten, sondern Stunden anhält.
Nicht für alle geeignet: Risiken beim Eisbaden
Aber Vorsicht: Für untrainierte oder gesundheitlich vorbelastete Menschen können die Risiken überwiegen. Fachleute raten deshalb, sich vor dem Eisbaden ärztlich untersuchen zu lassen und grünes Licht für diese extreme Form des Sports einzuholen. Denn möglich sind unter anderem Herzrhythmusstörungen, Kreislaufprobleme oder Muskelkrämpfe.
Was man beim Eisbaden beachten sollte
Der wichtigste Grundsatz lautet: gesund sein und langsam anfangen. Am besten schon im Herbst beginnen, im See seine Runden zu drehen. Das Wasser ist kühl, aber nicht eiskalt. So kann sich der Körper langsam daran gewöhnen. Wer das nicht kann, sollte den Körper anders vorbereiten: zum Beispiel mit kalten Duschen oder Wechselduschen.
Am Gewässer selbst gilt:
- Sich mental auf das eisige Wasser vorbereiten, denn viel ist auch Kopfsache.
- Nie alleine baden. Das ist wichtig, wenn es doch zu gesundheitlichen Problemen wie Muskelkrämpfen kommt.
- Ruhig und zügig ins Wasser gehen (nicht rennen, nicht trödeln).
- Kurz untertauchen, warten, bis Atmung und Herzschlag sich beruhigen.
- Dann ggf. etwas schwimmen oder einfach im Wasser stehenbleiben.
Viele tragen beim Eisbaden eine Wollmütze oder eine Haube, Handschuhe und Schuhe aus Neopren. Das sieht kurios aus, hat aber einen guten Grund: Kopf, Hände und Füße kühlen besonders schnell aus.
Wie lange sollte man anfangs Eisbaden?
Eine bewährte Faustregel lautet: etwa eine Minute pro Grad Wassertemperatur. Bei fünf Grad also maximal fünf Minuten, bei drei Grad höchstens drei Minuten. Für Anfänger und Anfängerinnen gilt: lieber deutlich kürzer. Schon 30 bis 60 Sekunden reichen beim ersten Mal völlig aus.
Nach dem Bad: sofort abtrocknen, nasse Kleidung ausziehen, warm anziehen. Heißer Tee und leichte Bewegung helfen beim Aufwärmen. Von einer heißen Dusche direkt nach dem Eisbad raten Fachleute dringend ab. Der Körper soll sich selbst wieder hochfahren. Rote Haut und Zittern sind normal, weiße Stellen dagegen ein Warnsignal.
Wie lange muss man Eisbaden, um braunes Fett zu entwickeln?
Braunes Fettgewebe gilt als metabolisch aktiv und hilft dem Körper, Wärme zu erzeugen. Kälte kann seine Aktivität steigern – das zeigen mehrere Studien. Entscheidend ist dabei nicht ein einzelnes Eisbad, sondern regelmäßige, moderate Kälteexposition über Wochen hinweg.
Kurz gesagt: Wer sein braunes Fett aktivieren will, braucht Geduld. Mehrmals pro Woche kurze Kältereize sind sinnvoller als seltene, lange Eisaufenthalte. Hier gilt: weniger Heldentum, mehr Kontinuität.

