Hoffentlich ist die Deutsche Bahn kein Spielverderber. Der Moderator der neuen Show im Münchner GOP-Varieté-Theater, Andreas Wessels, hat nur einmal in der Woche spielfrei, am Montag, und da fährt er gerne nach Hause, nach Berlin. Am Dienstagabend muss er allerdings wieder pünktlich am Arbeitsplatz sein, jedenfalls bis zum 12. April. So lange läuft die Show „Hot Spot“. Da gilt es, einen zeitlichen Sicherheitspuffer einzuplanen, wie jeder weiß, der schon mal mit der Bahn zu wichtigen Terminen unterwegs war.
„Ich mag viele, viele Prozente“
Das ist die Schattenseite eines Berufs in der Showbranche: Die Künstler sind selten daheim, ständig auf Achse. „Ich glaube, mein Beruf, das ist eine Leidenschaft“, sagt Wessels. „Und dann verdiene ich sogar noch mein Geld damit. Man kann natürlich irgendwann sagen, man ist sehr viel von zu Hause weg, aber jeder Beruf hat irgendwelche Nachteile: Der eine arbeitet sehr lange, der andere muss sehr früh aufstehen. Also jeder hat irgendeinen Beruf, wo er sagt: Da gibt es vielleicht zehn Prozent, was er nicht so daran mag. Aber ich mag viele, viele Prozente an meinem Beruf.“
Die Künstler der aktuellen Varieté-Show kommen aus Italien, der Ukraine, aus Brasilien, Finnland und Asien, sind teilweise sehr weit weg von Familie und Freunden und können nicht einfach mal zwischendurch ein paar Tage pausieren.
„Wirklich auch Familienersatz“
Gespielt wird täglich außer montags, am Wochenende sogar zweimal täglich, da ist wenig Platz für private Empfindsamkeiten wie Heimweh, so Regisseur Karl Heinz Helmschrot: „Für viele Künstler ist es dann wirklich bei uns wie in einer Familie, für die drei Monate. Es entstehen immer total enge Freundschaften. Es gibt ganz wenige Diven, ganz wenige Leute, die irgendwie rumzicken. Alle sind sehr bodenständig und meistens connecten die auch unglaublich flott. Und es ist dann für die drei oder vier Monate – oder wie lange auch immer die Spielzeit läuft – wirklich auch ein Familienersatz.“
Das mag überraschen, dass ausgerechnet im Varieté-Betrieb keine Diven gebraucht werden. Show ist Teamarbeit, auch im Münchner GOP. „Hot Spot“ überzeugt mit beeindruckender Akrobatik wie der Rollschuh-Nummer des italienischen Duos Medini, der atemberaubenden Kartenspielmagie von Anson Lee und der Ukrainerin Anastasia Shokolova, die zum Finale nur an ihren langen Haaren hängend in der Luft allerlei poetische Figuren performt.
„Flexible und modulare Bühnenbilder“
Die Moderation von Andreas Wessels ist typisch berlinerisch, ziemlich schnoddrig und betont lässig. Davon war womöglich nicht jeder Münchner von Anfang an überzeugt. Er jongliert mit Feuerzeug und Zigaretten, was der eine für nostalgisch, der andere für ziemlich altmodisch halten mag: Geschmackssache im eigentlichen Sinn des Wortes.
Allerdings dominiert der Moderator die Show, so Regisseur Karlheinz Helmschrot: „Hier ist es sicherlich die Person Andreas Wessels, um den herum das alles gestrickt ist. Ich arbeite außerdem gerne mit Bühnenbildern, wo man aus wenig viel machen kann. Sprich, die flexibel sind, die modular sind. Und ich finde, wir haben mit kleinem Aufwand einen ganz großen Nutzen, was unterschiedliche Bühnenbilder angeht.“
Große Kulissen passen sowieso nicht auf die vergleichsweise intime Bühne des Münchner GOP. Also belassen es Karlheinz Helmschrot und sein Bühnenbildner Sebastian Drozdz bei ein paar weißen Kisten und vier dekorativen Laternen. Den Rest erledigen die titelgebenden Spots, also die Lichtregie. Das Publikum spendet freundlichen Beifall – und war teilweise zum Mitmachen aufgefordert. So gelang es auf die Bühne gerufenen Zuschauern, zunächst eine Zigarette aus größerer Entfernung mit dem Mund aufzufangen und schließlich zwölf Bälle, teilweise rotierend, zu balancieren. Akrobatik scheint also ganz einfach – wenn ein Jongleur wie Andreas Wessels zur Seite steht und etwas Hilfestellung gibt.
Bis 12. April im GOP Varieté München.

