Nicht gerade das schlechteste berufliche Schicksal, als Kindermädchen in Mauritius, Südafrika, Kanada und Italien unterwegs zu sein. Saskia Vester war für Das Erste bis 2021 in vier Episoden als Kioskbetreiberin zu sehen, die nach 40 aufopferungsvollen Jahren vor dem Nichts steht und sich fortan als selbsternannte Kinderbetreuerin international durchschlägt.
Die Rolle war für Vester so prägend, dass sie gemeinsam mit ihrem Schauspielerkollegen Aykut Kayacık ein Stück schrieb, in dem ebenfalls eine Frau gegen Ende ihrer beruflichen Karriere notgedrungen noch einmal völlig neu anfangen muss. „Wer schießt auf Frau Hummel?“ handelt von der titelgebenden Imbissbuden-Wirtin Henriette Hummel, die Abschlusszeugnisse als Fachpflegekraft fälscht und bei einer reichen Familie anheuert.
„Wahnsinnig intensiver Vorgang“
Im November 2024 wurde das Stück in der Schweiz uraufgeführt, jetzt ist es an der Komödie im Bayerischen Hof in München zu sehen. Kommt nicht so oft vor, dass Schauspieler für Boulevardtheater schreiben, eher schon führen sie dort ab und zu Regie. Saskia Vester: „Ich spiele das beim Schreiben gleich mit und daraus entstehen dann die Wörter. Ich bezeichne mich nicht als Schriftstellerin, sondern als schreibende Schauspielerin. Was ich am Schreiben eigentlich gar nicht mag, ist so ein autistischer Zustand. Ich verkapsele mich dann so extrem in mir und wache nachts auf, und mir gehen die Szenen durch den Kopf, also das ist ein wahnsinnig intensiver Vorgang, der mich wirklich angestrengt hat. Dagegen ist eine Tournee ein kleiner Spaziergang.“
Persönlich ist Saskia Vester nach eigenen Angaben noch gut beschäftigt, hat im vergangenen Jahr auch viel gedreht. Doch mit 66 wird die Luft dünn für viele Kolleginnen. Die Film- und Fernsehbranche ist nun mal jugendorientiert und wird es wohl auch für immer bleiben, insofern ist es wichtig, dass Saskia Vester mit ihrem Stück auf die Probleme älterer Frauen hinweist, die finanziell oft unzureichend abgesichert sind.
„Da drückt schon sehr der Schuh“
„Klar ist es in unserer Branche ein großes Problem, das Älterwerden. Die Geschichten, die für Ältere geschrieben werden, und die Angebote werden dann weniger. Und wovon lebst du?“ fragt sich Vester: „Als freischaffende Künstlerin hast du Dir nicht unbedingt die große Villa gekauft, da drückt schon sehr der Schuh, muss ich sagen und wir sind ja auch alle nicht so richtig abgesichert oder beziehungsweise haben das verpennt, weil wir ja Schauspieler sind und an sowas nicht denken.“
Nach der Uraufführung in Riehen bei Basel lobten Zuschauer das Stück als „lebensnah“, was im Boulevardtheater sonst eher selten vorkommt, bei all den mehr oder weniger konstruierten Liebeskonflikten. „Wer schießt auf Frau Hummel?“ klingt zwar kriminalistisch und ist in Maßen auch gesellschaftskritisch, aber auf eines wollte Saskia Vester dann doch nicht verzichten: „Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich in Deutschland sage, es hat ein Happy End, weil das ziemlich verpönt ist in unseren kulturellen hochgestochenen Kreisen. Ich liebe Happy Ends. Und ich stehe auch dazu, und deswegen gibt es in meinem Stück auf jeden Fall ein Happy End.“
„Was ist eigentlich Boulevard?“
Gut, dass die Komödie am Bayerischen Hof in München mit ihrem Intendanten Rene Heinersdorf nicht durchweg auf seichte Unterhaltung setzt, sondern auch mal was wagt, etwa mit dieser deutschen Erstaufführung über die Abenteuer einer perspektivlosen Seniorin.
Für Mitautorin und Hauptdarstellerin Saskia Vester ist die Premiere auf jeden Fall nervlich anstrengender als üblich. Und das liegt weder an München noch am Thema: „Das Besondere ist bei der Premiere, dass man ungefähr zweimal sterben möchte, weil das ja die doppelte Aufregung ist.“
Zuversicht ist das Geheimnis dieses Stücks. Optimistisch bleiben, auch, wenn das Leben einem Mal so richtig ins Gesicht bläst. Dann sind Wunder gefragt. Und für die ist das Boulevardtheater ja zuständig.
Bis 8. März 2026 in der Komödie im Bayerischen Hof in München.

