Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer verschlossenen Tür. In der echten Welt hätten Sie jetzt ein Problem. Sie bräuchten einen Schlüssel, einen Dietrich oder zumindest einen Fuß mit Überzeugungskraft mitsamt einer guten Haftpflichtversicherung. In der Welt von „Cassette Boy“ schließen Sie einfach die Augen. Und weil Sie die Tür jetzt nicht mehr sehen können, existiert sie auch nicht mehr. Sie spazieren einfach hindurch.
Kennen Sie Schrödingers Katze?
Das Indiegame „Cassette Boy“ ist eine Art ludologische Interpretation des berühmten Gedankenexperiments des Physikers Erwin Schrödinger. Existiert die Katze in der Kiste wirklich, solange wir nicht hineinsehen? In diesem Spiel lautet die Antwort: Nein. Was wir nicht sehen, ist nicht da. Und weil sich der Blickwinkel jederzeit verändern lässt, wird dieses Prinzip zum zentralen Werkzeug: Dreht man die Kamera, verschiebt sich die Realität. Mauern verschwinden, sobald sie aus dem Sichtfeld rutschen. Plattformen erscheinen erst, wenn wir sie ansehen. Die Welt gehorcht strikt dem Prinzip, dass erst Sichtbarkeit Existenz erzeugt – und dass Unsichtbarkeit sie auslöscht.
Dabei sieht „Cassette Boy“ aus wie ein vergilbtes Relikt aus den späten 80ern: Alles ist in dieses nostalgische, leicht kränkliche Grün getaucht, das wir alle noch vom Game Boy kennen. Wir steuern eine kleine Figur durch eine Welt, die an die alten „Zelda“-Spiele erinnert, hauen mit dem Schwert auf Schleimmonster und lösen Rätsel. Doch der naiv-kindliche Eindruck täuscht gewaltig. Denn dieses Spiel ist weniger ein Abenteuer als vielmehr ein philosophischer Hindernisparcours.
Auf den Spuren von Elon Musk
Die Story-Prämisse der Geschichte ist herrlich absurd: Der Mond ist verschwunden. Warum? Weil unsere Spielfigur vergessen hat, ihn anzusehen. Und was man nicht sieht, ist eben weg. Damit greift das Spiel eine Theorie auf, die im Silicon Valley gerade hoch im Kurs steht. Die sogenannte Simulationshypothese, populär gemacht durch den Philosophen Nick Bostrom und befeuert von Elon Musk. Sie besagt, dass wir alle nur Figuren in einem Computerprogramm sein könnten.
Und wie würde eine solche Simulation arbeiten, um Energie zu sparen? Sie würde nur das berechnen, was wir gerade ansehen – genau wie in einem Computerspiel. Das heißt: Es würde wohl nicht ständig jedes Elementarteilchen, jeder elektromagnetische Funke und jeder Teil des Universums simuliert werden. Atome, Galaxien werden nur dann generiert, wenn sie unter Beobachtung stehen. „Cassette Boy“ nimmt das wörtlich. Hier ist die Realität nur eine Frage der Perspektive.
Kämpfe sind hier Nebensache
Das macht die Kämpfe fast zur Nebensache. Zwar hat man ein Schwert, aber wenn ein riesiges Monster den Weg versperrt, muss man es nicht besiegen. Man dreht einfach die Welt, bis das Monster hinter einer Säule verschwindet – und zack, ist der Weg frei.
Das Spiel lehrt uns damit eine wichtige Lektion: Fortschritt entsteht nicht durch Stärke, sondern durch die Wahl des richtigen Blickwinkels. Wer stur geradeaus schaut, scheitert an den Hindernissen. Wer aber bereit ist, seinen Standpunkt zu ändern, für den lösen sich Mauern in Luft auf.
„Cassette Boy“ ist also mehr als ein Retro-Spiel. Es ist ein spielbares Gedankenexperiment, das uns auf charmante Weise zeigt: Man muss das Monster unter dem Bett nicht bekämpfen. Manchmal reicht es völlig, sich einfach umzudrehen.

