Der Chinese Tony Leung ist ein Superstar des internationalen Arthousekinos. Für seine Rolle in Wong Kar-Wais Drama „In The Mood for Love“ wurde er 2000 in Cannes als bester Schauspieler geehrt. Im neuen Film von Ildikó Enyedi verkörpert er einen chinesischen Gehirnforscher, der als Professor an die Universität Marburg kommt.
Schauspielstar Tony Leung spielt einen Gehirnforscher
Er bezieht das Gästehaus auf dem Campus, kämpft mit dem deutschen Essen, hält Vorlesungen über die unterschiedliche Wahrnehmung von Erwachsenen und Babys. Dann kommt Corona. Mensa, Bibliothek und Vorlesungsaal bleiben leer. Nur einer ist präsent wie immer: der große Ginkgo im Botanischen Garten der Universität.
Er ist das Zentrum dieses Films, verbindet Szenen, Menschen, Raum und Zeit miteinander. Denn „Silent Friend“ spielt nicht nur 2020, er führt auch in die 70er und in das Jahr 1908, als in Marburg erstmals Frauen zum Studium zugelassen wurden. Damals muss sich die junge Grete (Luna Wedler) einer Prüfung unterziehen, die so erniedrigend ist, dass es wehtut beim Zuschauen. Mit Fragen zur Sexualität von Pflanzen will man die Bewerberinnen aus der Fassung bringen.
Die Handlung springt zwischen drei Zeitebenen
Ungerührt vorm Fenster: der Ginkgo. Aber ist er wirklich ungerührt? Spürt er nicht doch die warme Hand der jungen Frau, die nach dieser Prüfung erst mal an seinem Stamm Halt sucht? Was nehmen Pflanzen wahr? Wie können wir das rausfinden? Und gibt es einen Weg, Verbindung zu ihnen aufzunehmen? Das sind die großen Fragen dieses Films und schnell wird klar, dass es nicht nur um Pflanzen geht. Auch die Kommunikation zwischen Menschen ist ja manchmal ziemlich schwierig.
Der ungarischen Regisseurin ist ein zauberhafter Film gelungen. Mehr als zwei Stunden lang entführt sie die Zuschauer in eine Welt voller Reize und Stimmungen – auf wissenschaftlicher, visueller und akustischer Ebene und immer nah dran an den persönlichen Geschichten Einzelner.
Verschmelzung von Sinnlichkeit und Wissenschaft
„Silent Friend“ ist ein leiser Film und doch auch ein Film voller Geräusche. Das Krabbeln eines Käfers, der Wind in den Baumkronen oder der Atem eines Menschen durchziehen den Streifen wie ein konstanter Flüsterstrom. Dazu gibt es immer wieder abstrakte Bilder aus dem Inneren von Blättern und Gehirnen, Visualisierungen von Nervenströmen, chemische und elektrische Signale als farbige Ströme und flirrende Lichter.
„Silent Friend“ ist ein wirklich erstaunlicher Film, eine filmische Baumumarmung – still und aufregend zugleich, komplexe Wissenschaft und Sinnlichkeit verschmelzen zu psychedelischen Bildern. Für Menschen, die nicht nur im Kino sehr genau hinschauen – und die wirklich wissen wollen, warum „Silent Friend“ im Deutschen „Stille Freundin“ heißt.

