Schon als bekannt wurde, dass Gil Ofarim am Format „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ teilnehmen würde, hagelte es viel Kritik für den Sender RTL. Als er dann im Dschungelcamp ankam, schwieg er lange zum Prozess gegen ihn. Dann redete er doch, stellte Gutachten in Frage – und wurde Dschungelkönig. Seit dem Finale am Sonntag wird auf Social Media diskutiert und User posten, wie sie deshalb sogar ihre RTL+-Abos kündigen. Aber warum ist die Aufregung so stark und anhaltend?
Davidstern-Skandal endet mit Entschuldigung und Geldauflage
Der Musiker Ofarim hatte im Jahr 2021 den sogenannten Davidstern-Skandal ausgelöst, indem er sich bei Instagram als Opfer antisemitischer Äußerungen eines Hotelmitarbeiters in Leipzig dargestellt hatte. Der Mann habe gesagt, Ofarim solle seinen Davidstern abnehmen, erst dann dürfe er einchecken, so die damaligen Anschuldigungen.
Ofarim erstattete Anzeige. Aber der Hotelmitarbeiter wehrte sich und zeigte seinerseits den Musiker wegen Verleumdung an. Aufzeichnungen aus dem Hotel spielten in dem folgenden Verleumdungsprozess eine wichtige Rolle. Ein Gutachten zu den Videoaufnahmen legte nahe, dass die Kette gar nicht sichtbar gewesen sei, als der Sänger im Hotel einchecken wollte. Ofarim nahm seine Anschuldigungen gegen den Hotelmitarbeiter schließlich zurück und entschuldigte sich. Das Verfahren wurde eingestellt, Ofarim musste 10.000 Euro zahlen.
Vom Gericht ins Dschungelcamp
Vor diesem Hintergrund hatte die Teilnahme des Musikers am Dschungelcamp schon vor dem Start für Debatten gesorgt – aber wohl auch für ein paar Zuschauer mehr. Laut RTL gab es im Halbfinale die meisten Anrufer seit der ersten Staffel.
Als Ofarims lauteste Kritikerin unter den Mitcampern kristallisierte sich Reality-Star Ariel heraus. Immer wieder bohrte die 22-Jährige nach. Im Zwiegespräch mit Simone Ballack ging der 43-Jährige dann auf den Prozess ein – und säte Zweifel an der Arbeit des Gerichts und der Gutachter.
Ofarim sagte zu den Videoaufnahmen: „Es wurde nachgewiesen, dass das Band nicht das Originalband ist. Es wurde nachgewiesen, dass von allen Kameraaufnahmen mehrere Sekunden gefehlt haben“, erklärte Ofarim am Lagerfeuer. Zudem sprach er von einem Zeugen, der ausgesagt habe, dass er „den Davidstern gesehen“ habe. Ebenso behauptete er: „Das Video, das der Digitalforensiker hatte, ist nicht das Original“. Wie Ofarim zu diesen Schlüssen kam, blieb unklar. Ofarims Kritikerin Ariel wurde noch am selben Abend von den Zuschauern aus dem Camp gewählt.
Das Dschungelcamp als Bühne des Postfaktischen
Kurzum: Einem faktischen Schuldeingeständnis Ofarims vor Gericht folgte eine gegenteilige Darstellung bei RTL. Die Mehrheit der Zuschauer belohnte den Sänger dafür und wählten ihn zum Dschungelkönig.
Die Aufregung der Kritiker darüber ist groß. Natürlich könnte man nun sagen: Das Dschungelcamp ist ein Unterhaltungsformat, was erwartet ihr? Oder man sieht es wie Spiegel-Journalistin Anja Rützel auf Instagram (externer Link): „Das Dschungelcamp wollte immer mehr sein als nur irgendein Trash-TV-Format. Also nehmen wir es ernst.“ Dass RTL die Teilnehmer „unzensiert sprechen“ lasse, ohne Einordnung zu bieten, kritisiert sie als „Gebrauchsanleitung fürs Postfaktische“. Auch Soziologin Nadia Shehadeh nannte den Fall im Deutschlandfunk (externer Link) ein „Fernsehbeispiel für postfaktische Tendenzen“.
Anwalt fordert Ofarims Rehabilitierung
Auf der anderen Seite kritisierte Anwalt Alexander Stevens, der Ofarim im Prozess vertrat, auf Instagram (externer Link), dass die digitalen Dynamiken zu einem „Lynchmob“ würden. Er fordert, Ofarim zu „rehabilitieren“. Ja, Ofarim habe eine Straftat begangen, indem er jemanden öffentlich verächtlich gemacht hätte, und habe dafür juristische sowie schwere gesellschaftliche Konsequenzen tragen müssen. „Er hat sich entschuldigt und das Opfer der Falschbehauptung ist zweifellos als solches anzuerkennen.“ Wieso Ofarim nun Zweifel am Prozess sät, darauf geht Stevens allerdings nicht ein.
Was feststeht: Ofarim hat hervorragend verstanden, wie das Dschungelcamp funktioniert – und von der Aufregung um ihn profitiert, belohnt mit 100.000 Euro Siegerpreisgeld.
Hotelmitarbeiter äußert sich erstmals: „Das ist schwer für mich“
In der ganzen Aufregung äußerte sich nun auch erstmals der von Ofarim beschuldigte Hotelmitarbeiter. „Er inszeniert sich wie ein Opfer, obwohl ich das bin, und das ist schwer für mich“, sagte er in einem Interview mit der „Zeit“ (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt).
Juristische Folgen dürfte Ofarims Geraune im Dschungel nicht haben. Die Staatsanwaltschaft Leipzig teilte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur dazu mit: Es bestehe „keine Veranlassung, bloßen Wiederholungen von Vermutungen und Andeutungen angeblicher Manipulationen an letztlich nicht verfahrensrelevanten Aufnahmen nachzugehen.“
Mit Informationen von dpa

