„Ich sehe eine tiefe Resignation vorher, die selbst die treue und patriotische Bloggergemeinschaft erfassen wird – alles ist wieder zubetoniert, werden sie sagen, und wir wollten doch so sehr mehr Freiraum, aber den bekommt man bei uns nicht“, so der russische Drohnen-Entwickler und Publizist Alexei Tschadjew [externer Link] über die Parlamentswahl, bei der die kremlnahe Partei „Einiges Russland“ auf knapp 60 Prozent der Stimmen kam und damit weit über zwei Drittel der zu vergebenden Sitze erreichte. Die politischen Entscheidungen würden künftig noch „eintöniger“ ausfallen als in der vorangegangenen Wahlperiode, so Tschadajew.
„Administrative Möglichkeiten ausgeschöpft“
Obwohl im Vorfeld sämtliche Kriegsgegner von der Wahl ausgeschlossen wurden, gehen unabhängige Beobachter davon aus, dass das Wahlergebnis zusätzlich im großen Maßstab gefälscht wurde, sie sprechen sogar von einem „Todeskampf des Systems“ [externer Link]: „Sie waren gezwungen, extreme Maßnahmen zu ergreifen. Man könnte sagen, sie haben ihre sogenannten administrativen Möglichkeiten ausgeschöpft. Das entspricht etwa 20 zusätzlichen Prozentpunkten.“
Daten-Analysten behaupteten nach der Auswertung „statistischer Anomalien“ [externer Link], „Einiges Russland“ habe vermutlich nur rund 34 Prozent der Stimmen erhalten. Anonyme Blogger argwöhnten, es habe ein „sehr großes Ausmaß an Manipulation“ gegeben, wahrscheinlich sogar „das größte aller Duma-Wahlen in Russland“.
Blogger Dmitri Guljajew aus Kursk seufzte [externer Link]: „Die Wahlen hinterließen einen Nachgeschmack von Langeweile und Gleichgültigkeit. Uns bleibt nur zuzusehen, wie die Umstände unsere politische Realität unaufhaltsam und einschneidend verändern.“
„Zerfall des alten Systems“
Publizist Maxim Kalaschnikow schrieb [externer Link]: „Nur die ganz oben werden das wahre Ergebnis kennen. Ich glaube nicht, dass diese Realität der Elite gefallen hat. Doch was folgt, ist eine äußerst gefährliche Zeit. Unsicherheit, Angst, der Wunsch, alle verdächtigen Personen auszuschalten. Ich sage allen Anwesenden: Seid vorsichtig mit euren Worten. Die Systemkrise entwickelt sich weiter und führt zur Erosion und zum Zerfall des alten Systems.“
Politologe Dmitri Michailitschenko versuchte seine kremlkritischen Fans zu beruhigen [externer Link]: „Sie müssen klar unterscheiden zwischen dem, was Sie beeinflussen können und dem, was außerhalb Ihrer Kontrolle liegt. Ich würde sagen, bewahren Sie sich die Nüchternheit und die Fähigkeit zu strategischem Denken sowie das Verständnis historischer Muster und Prozesse. Vor allem jener Prozesse, die unausweichlich sind und schon seit geraumer Zeit im Gange sind.“
„Liberale in der altbekannten Sackgasse“
Wirtschaftskolumnist Dmitri Drise meinte [externer Link]: „Der liberale Teil der russischen Gesellschaft befindet sich in der altbekannten Sackgasse. Es ist unklar, was zu tun ist und welchen Weg man einschlagen soll. Niemand riskiert es, sich radikal zu verhalten. Dazu fehlt ihnen auch die Kraft. Daher hat man beschlossen, weiterhin abzuwarten. Besonders interessant ist die Stimmung der Eliten. Auch sie warten ab, viele haben sich angepasst und profitieren sogar erheblich von der aktuellen Situation. Überraschungen sind jedoch möglich…“

