„Ich wollte immer schon das Feuer in meinem Leben behalten. Auch wenn’s einen verbrennt manchmal“, sagt Uschi Obermaier. Und man kann sagen: Sie hat es durchgezogen, immer. Das Leben. Und die Karriere. Zwischen beidem ist bei ihr ohnehin kaum ein Unterschied. In Obermaiers Worten: „Einen Fokus, das braucht man unbedingt. So von selbst kommt nix. Und am Allerwichtigsten: Geh nach deinem Herzen, lass dir keine Angst machen.“
Eine Geschichte der Befreiung
Das Ich als Projekt – diesen „Fokus“ teilt sich Obermaier mit den High-Performern von heute, mit den vielen, vielen Influencerinnen und Influencern. Radikaler Individualismus. Mit dem Unterschied, dass der bei ihr nie, oder zumindest nicht von vornherein, als Geschäftsmodell angelegt war – und nie übertrieben sportlich oder bemüht daherkam. Von Selbstversklavung keine Spur.
Obermaiers Lebensgeschichte ist eine Geschichte der Befreiung. Im ersten Schritt: aus dem bundesrepublikanisch-piefigenen Kleinbürgermilieu in München-Sendling, wo sie herkommt. „Ich wollte, was ich wollte. Und ich glaube, das war der Unterschied, dass viele geträumt haben und ich hab’s gemacht.“
Uschi Obermaier wird zum Covergirl der 68er
Zum Beispiel in die erste deutsche WG einziehen, damals Ende der Sechziger. Die berühmt-berüchtigte Kommune 1, wo das Allerprivateste zum Politikum erklärt wurde. Kein Besitz, auch nicht in der Liebe. Nicht so einfach, wenn man vor allem der Liebe wegen hier ist. Der Rainer hat es der Uschi angetan: Langhans, ein introvertierter Junge mit Lockenkopf und Lennon-Brille. Wahnsinnig eifersüchtig sei sie gewesen, wenn er mit anderen rumgemacht habe, hat Obermaier später oft erzählt.
Und überhaupt – die Zeit in der Kommune, nicht das leichte Leben, das man sich so vorstellt. Dreckig sei’s gewesen. Und dann diese endlosen politischen Diskussionen. Obermaier entzieht sich dem souverän. Indem sie, zur Empörung aller, regelmäßig einschläft. „Mir hat’s nicht unbedingt gefallen, aber ich fand es sehr interessant, das Experiment, weil – wie’s immer so heißt: Durch Härte zu den Sternen. Und harte Lernzeiten, auch wenn man sie nicht will, aber man lernt am meisten.“
Schon ein bisschen ironisch, dass ausgerechnet Uschi Obermaier zum Covergirl der 68er wird. Im Magazin Spiegel posiert sie oben ohne – was den grimmigen Politkadern in der Kommune gar nicht gefällt. Ist aber auch egal, denn während sich die Kunzelmänner und Teufels immer weiter in ihren Radikalismus eindrehen, macht Obermaier den Abflug ins popkulturelle Jetset. Legendär ihre Beziehungen zu Mick Jagger und Keith Richards. Dazu kommen Langhans, wie gehabt, und Dieter Bockhorn, eine Hamburger Kiezgröße. Polyamor, bevor der Begriff erfunden wurde. „Die waren halt alle ‚exiting‘, also aufregend, und das gibt’s einfach.“
Im selbst ausgebauten Omnibus durch die Welt
Am Ende entscheidet sich Obermaier für Bockhorn – und für ein Leben im Van. Zehn Jahre lang touren die beiden im selbst ausgebauten Omnibus durch die Welt, bis er sich in Mexiko mit dem Motorrad totfährt. Als dunkelste Zeit hat Obermaier diese Phase später bezeichnet. Sie entscheidet sich aber trotzdem gegen ein Zurück nach Deutschland. Immer dem Aufbruch verpflichtet. „Gerade wenn man wieder an so einem Endpunkt sitzt, dann ist eigentlich die beste Lösung für mich: Entweder ich lerne was Neues. Oder ich gehe auf Reisen. Das ist ein Rezept, das bringt einen immer wieder hoch.“
Diese im unverkennbar Münchner’ischen Swag vorgetragenen kalifornischen Lebensweisheiten – bei ihr klingen sie überraschend glaubhaft. Über drei Jahrzehnte lebte Obermaier in den USA, seit ein paar Jahren in Portugal. Arbeitete als Model und Schmuckdesignerin und präsentierte sich der deutschen Öffentlichkeit in selbstbewusster Dosierung. Auch hier ein Beispiel von Souveränität.
Undenkbar, dass sie wie Langhans im Dschungelcamp landet. Boxenluder der Revolution, Sex-Ikone der 68er – von solchen BILD- und Boulevard-Labels hat sie sich nie einsperren lassen. Uschi Obermaier ist geworden, was sie immer war: eine Zeitgenossin. „Diese alten Geschichten, es ist vergangen, es ist vorbei. Ich meine: ‚grow up‘.“

