Bei den letzten PISA-Tests schnitten die 15-Jährigen in Deutschland so schlecht ab wie noch nie seit Beginn der Studie im Jahr 2000. Für die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, kam das nicht überraschend: Lehrende hätten bereits vorher gesehen, was ihre Schülerinnen und Schüler können und was sie nicht können, weil sie jeden Tag im Klassenzimmer vor ihnen stehen. Aus anderen Studien sei bekannt, dass viele Kinder heute psychisch belastet sind. Eine weitere Herausforderung für sie sei das Leben in der digitalen Welt.
Große Bildungsungleichheit in Deutschland
Die PISA-Ergebnissen zeigen, welche Rolle die Herkunft der Kinder für den Schulerfolg spielt, also die finanzielle Situation der Eltern und deren Schulbildung. Beim Ausgleich von Bildungsungleichheit liegt Deutschland aktuell in der PISA-Studie unter 91 Ländern auf dem drittletzten Platz.
Wir schaffen es nicht, diese Bildungsungleichheit auszugleichen, sagt Fleischmann im Campusmagazin auf BR24: „Eigentlich ist es ein Staatsversagen, ein Versagen in den Schulen – und wir können es nicht den Elternhäusern zuschieben.“ Dort gebe es Armut, psychische Krankheiten oder aus anderen Gründen schwierige persönliche Verhältnisse. Diese Eltern würden es nicht schaffen, ihre Kinder zu unterstützen, und ausgerechnet deren Kinder sollten nun den Mangel bei der Bildungsgerechtigkeit auffangen: „Dann verlange ich von dem Kind: ‚Hey, hock‘ dich jetzt hin, trainiere für den Pythagoras und heute Nachmittag noch mal mehr und morgen schreiben wir die Schulaufgabe.'“ So funktioniere das aber nicht.
Lehrerverband fordert bessere Maßnahmen gegen Bildungsungleichheit
Man müsse nun ganz anders schauen, was diese Kinder brauchen, und dann handeln. Dafür sei eine gemeinsame Kraftanstrengung notwendig zwischen Bund und Ländern, zwischen Elternhaus und Schule. Der BLLV fordert deshalb ein „Sondervermögen Bildung“.
Bereits heute gebe es viele richtige Maßnahmen gegen Bildungsungleichheit, sagt Fleischmann. Die Frage sei nur, wie nachhaltig und wie gut finanziert diese sind. Beispiele seien etwa die Sprachstandsdiagnostik, der Ganztagsunterricht und Programme, um die Fähigkeiten in Rechnen, Lesen und Schreiben zu stärken. Ein Drittel der 15-Jährigen erreiche nicht die Mindeststandards im Lesen und Rechnen. Hierauf müsse man den Fokus lenken und Lehrerende von anderen Aufgaben entlasten, etwa durch das Weglassen von „Add-ons“ wie Themenwochen zur Finanz- oder Alltagskompetenz. Wichtig sei dabei ein Monitoring der Maßnahmen, also deren Wirkung zu überprüfen.
Exzellentes Personal und exzellente Angebote
Für Kinder, die in den Sprachstanderhebungen Defizite zeigen, gibt es Deutsch-Vorkurse. Diese Kurse müssten jedoch Fachkräfte halten, die es gelernt haben, ausländischen Kindern Deutsch beizubringen, und nicht Quereinsteiger, fordert die BLLV-Präsidentin. Wenn es diese Experten aber nicht gebe, bedeute das: „Gute Maßnahme, super diagnostiziert, nicht gefördert. Dann wirkt es halt nicht.“
Exzellentes Personal und exzellente Angebote seien auch schon vor der Schule, nämlich in den Kindertagesstätten, wichtig. Dort gehe es nicht vorrangig um Aufbewahrung oder Betreuung, sondern frühkindliche Bildung müsse in den Mittelpunkt: „Kita muss vorschulische Bildung sein“, betont Fleischmann. Das sei eine wesentliche Lehre aus PISA.
Mehr Freiheit und Eigenverantwortung
Nach den jüngsten PISA-Ergebnissen wird viel über datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung diskutiert, erklärt Fleischmann. Das bedeute, in den Schulen vor Ort zu schauen, wo brauchen wir welche Ressourcen, und diese dann mit genau diesen auszustatten. Das vom BLLV geforderte „Sondervermögen Bildung“ solle deshalb auch nicht „mit der Gießkanne“ über alle Schulen ausgeschüttet werden, sagt Fleischmann, sondern passgenau die einzelnen Schulen erreichen. Das würde der Staatsregierung viel Vertrauen in die Schulleitungen, ins Schulmanagement, in die Schulräte und die Ministerialbeauftragten abverlangen. Doch wenn Schulen Freiheit und Eigenverantwortung gewährt würde, müsse es auch eine Rechenschaftspflicht geben.
Aktuell gebe es einen eklatanten Lehrermangel an Grund- und Förderschulen und vor allem in den Mittelschulen, gleichzeitig aber ein Stellenmoratorium, also keine neuen Planstellen. Es herrsche eine dramatische Überforderungssituation für die Kinder, für Lehrer und für das ganze Schulsystem. Simone Fleischmann fordert daher, genau hinzuschauen und dann nicht zu träumen, sondern die politisch Verantwortlichen darauf festzunageln: Hier braucht es Verbesserungen.

