In den YouTube-Streams zu den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, unter TikToks – etwa von Alice Weidel – oder auf Wahlkampfveranstaltungen taucht im Musikprogramm der AfD aktuell immer wieder ein Name auf: „Die Fiedel“. Wer in den Songinfos auf Spotify sucht, erfährt nicht nur, dass zur Erstellung der Titel KI verwendet wurde, sondern auch, wer hinter dem Musikprojekt steckt.
Wer verbirgt sich hinter „Die Fiedel“?
Es ist Alexander Kleine, ein ehemaliges Mitglied der rechtsextremen „Identitären Bewegung“. Das ist eine Gruppierung neu-rechter und rechtsextremer Aktivisten, die 2012 in Deutschland entstanden ist. Kleine unterstützte die AfD mit seiner Agentur „Tannwald“ laut RedaktionsNetzwerk Deutschland [externer Link] bereits 2024 im Wahlkampf auf Social Media.
„Die Fiedel“: Nicht nur deutsche Volkslieder
Bei den Songs von „Die Fiedel“ handelt es sich um KI-generierte Versionen von Gedichten und Liedern. Neben Texten von Goethe oder Eichendorff finden sich auch Songs, die „ultranationalistisches und auch nationalsozialistisches Liedgut reproduzieren“. So sieht es der Musikwissenschaftler und Rechtsrock-Experte Thorsten Hindrichs von der Uni Mainz.
Über 20 Songs liefen im AfD-Livestream zur Wahl in Sachsen-Anhalt. Zu hören waren Texte patriotischer und nationalistischer Dichter wie Theodor Körner oder Hermann Löns. Sie lebten vor dem Nazi-Regime, wurden aber von den Nationalsozialisten verehrt.
Zu hören waren auch Lieder, die in der Neonazi-Szene gehört werden: wie „Erika“, das kursierte vor ein paar Jahren auf Social Media. Ebenso das Lied „Deutsche Verzweiflung“. Das basiert zwar auf Texten von Hoffmann von Fallersleben und Marie von Ebner-Eschenbach, wurde aber unter diesem Titel 1987 von Frank Rennicke veröffentlicht, einem Liedermacher in der Neonazi-Szene.
Rechtliche Möglichkeiten?
Das Nachrichtenportal „Die WELT“ wies bereits Stunden nach dem Stream zur Wahl in Sachsen-Anhalt auf die problematischen Hintergründe einzelner Songs hin und konfrontierte Kleine damit. Dieser gab sich unwissend. Eine bewährte Methode der extremen Rechten, erklärt Hindrichs.
Es bleibt die Frage, ob dagegen in irgendeiner Form strafrechtlich vorgegangen werden könnte. Hindrichs bemerkt, dass Aspekte, die unter den Jugendschutz fallen, von der Bundesprüfstelle entsprechend indiziert werden könnten.
TikTok-optimierte Nostalgie
Jenseits der juristischen Einordnung interessiert Hindrichs aber vor allem, was die Texte inhaltlich transportieren: Er stuft sie nicht per se als faschistisch ein, sondern vor allem als ultranationalistisch. Viele stammen aus der Zeit der Nationalstaatsbildung Anfang des 19. Jahrhunderts. Damit werde wohl versucht, eine Art „Illusion von einem deutschen kulturellen Erbe“ zu konstruieren. Die Cover zu den Songs gingen in eine ähnliche Richtung. Ein modernerer Comic-Style trifft auf Bilder, die an Liederbücher aus dem 19. Jahrhundert erinnern.
Neben dem Liedtitel steht immer auch eine Art Genrebegriff: „New Wave Edit“, „Hardtekk Edit“ oder „Hyperpop Edit“. Eine Anlehnung an die schnellen, tanzbaren und elektronischen Sounds, die auf Plattformen wie YouTube oder TikTok trenden. Hindrichs nennt es „Kirmes-Technosound“.
Zu den Songs und dem „Die Fiedel“-Auftritt auf Social Media generell gehört immer auch eine ironische Distanz. Diese Uneindeutigkeit in der Inszenierung ermögliche es den Machern, explizit und gleichzeitig vage zu bleiben, so Hindrichs. Auch im Songaufbau sieht er Schemata, die der Plattformlogik entsprächen. Perfekt konstuiert, um sie unter Videos zu legen und Lipsynching zu betreiben. Die Lieder sollen User also dazu animieren, mitzusingen, das Ganze zu filmen, zu posten und die Musik so möglichst weit zu verbreiten.
Popkulturelle Codes als Teil politischer Strategie
Dass die neue Rechte zur Verbreitung ihrer Inhalte gezielt auf Social Media setzt, ist nicht neu. Erklärtes Ziel ist ja, durch popkulturelle und plattformspezifische Codes gezielt ein junges Publikum anzusprechen. Die Neue Rechte nennt das „Metapolitik“. Gemeint ist die Strategie, ihre Welt- und Feindbilder in Räumen abseits der Politik, über Kunst, Kultur und Lifestyle zu verbreiten und so eine Mehrheit von ihren Ideen zu überzeugen. Hier findet das in Form von ultranationalistischen Popsongs statt, die im TikTok- oder Instagram-Feed landen.
Ihre Zusammenarbeit mit „Die Fiedel“ zeigt die AfD im Übrigen ganz offen auf ihren offiziellen Kanälen. Dazu Hindrichs: „Der Schulterschluss zwischen AfD und extrem rechter Szene wird nicht nur immer enger, sondern auch immer offener zur Schau gestellt.“
Vor Beginn der Redebeiträge läuft im YouTube-Livestream zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern neben „Die Fiedel“ übrigens auch das Projekt „Continental Pulse“ mit dem Song „Send them back“. Hinter dem wenig subtilen Titel steckt nicht Alexander Kleine, sondern Mario Hau, seines Zeichens Leiter der Medienabteilung in der Bundesgeschäftsstelle der AfD.

