Ein internationales Forschungsteam um Noam Angrist von der Universität Oxford wollte wissen, wie Kinder weiter lernen können, auch wenn die Schulen geschlossen sind, so wie während der Corona-Pandemie. Ihre Studie, die in der Fachzeitschrift Nature [externer Link] erschienen ist, kommt zum Ergebnis: Zwanzig Minuten Telefonieren pro Woche reichen, um gute Lernerfolge zu erzielen. Knapp 17.000 Haushalte in Indien, Kenia, Nepal, den Philippinen und Uganda nahmen an den Untersuchungen teil. Ein Teil der Kinder bekam acht Wochen lang einmal pro Woche telefonische Mathe-Nachhilfe Andere erhielten Lernaufgaben per SMS oder sie gehörten zur Kontrollgruppe ohne Nachhilfe.
Individuelle Förderung statt Unterricht nach Schema F
Beim Telefonunterricht bekamen die Kinder nicht alle die gleichen Aufgaben gestellt. Stattdessen wurde zunächst getestet, welche Grundrechenarten ein Kind bereits beherrschte, also Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. „Wir haben geschaut, was können die Kinder und wo gibt es noch Schwierigkeiten,“ erklärt Sophie Ochmann. Sie ist Forschungsleiterin bei der Organisation Youth Impact, die das Nachhilfeprogramm per Telefon entwickelt hat. Die Lehrkraft übte dann genau das mit einzelnen Kindern, womit diese Schwierigkeiten hatten.
Dieses Vorgehen zeigte Wirkung. Besonders deutlich waren die Ergebnisse in Uganda. Zu Beginn konnten rund 17 Prozent der untersuchten Viertklässler in der Kontrollgruppe dividieren. Am Ende der Studie waren es dort nur noch zehn Prozent. Offenbar hatten die Kinder ohne Nachhilfe während der langen Schulschließungen sogar Wissen verloren. In der Gruppe mit Telefon-Nachhilfe konnten dagegen nach acht Wochen 48 Prozent der Schülerinnen und Schüler dividieren.
In allen fünf untersuchten Ländern fanden die Forschenden deutliche Lernfortschritte durch die Telefon-Tutorien. Lernaufgaben, die lediglich per SMS verschickt wurden, wirkten dagegen deutlich weniger zuverlässig.
Erfolgreich lernen für rund elf Dollar pro Kind
Das Nachhilfeprogramm per Telefon ist nicht nur erfolgreich, sondern auch vergleichsweise günstig. Im Durchschnitt kosteten Telefon-Tutoring und SMS rund elf US-Dollar pro Kind. Das macht den Ansatz vor allem für Regionen interessant, in denen Tablets, Computer oder ein stabiler Internetzugang keine Selbstverständlichkeit sind. Ein gewöhnliches Mobiltelefon ist aber auch in vielen Regionen vorhanden, in denen das durchschnittliche Einkommen gering und die technische Infrastruktur schwach ist. Mit ihm können Lehrkräfte Kinder erreichen, die sonst während Schulschließungen kaum Zugang zu Unterricht hätten.
Die Stärke des Programms liegt dabei gerade in der Kombination: einfache Technik und persönliche Betreuung. „Ich glaube, das Telefon ist nicht das Wichtigste“, sagt Ochmann, „sondern, dass man den Unterricht genau daran ausrichtet, wo das Kind gerade steht“.
Technik allein macht noch keinen guten Unterricht
Genau an diesem Punkt setzt Michael Kerres an. Der Professor für Mediendidaktik an der Universität Duisburg-Essen erforscht seit Jahren, wie digitale Medien beim Lernen wirken. Sein Befund: Ein Medium allein sorgt nicht dafür, dass Kinder besser lernen. „Es kommt auf die didaktische Kreativität, auf das didaktische Design an“, sagt Kerres. Ein Arbeitsblatt wird also nicht automatisch besser, nur weil es statt auf Papier auf einem Tablet erscheint. Digitale Technik kann aber einen Mehrwert bieten, wenn sie neue Möglichkeiten schafft, zum Beispiel interaktive Übungen, Animationen oder unmittelbares Feedback.
Kerres warnt deshalb auch, ein simples Fazit zu ziehen wie: Telefon gut, Tablet schlecht. Denn je nach Lernziel können ganz unterschiedliche Medien sinnvoll sein.
Lehren für deutsche Schulen
Die Studie wurde während der Corona-Pandemie durchgeführt mit zum Teil sehr langen Schulschließungen in den einzelnen Ländern, also in einer außergewöhnlichen Situation. Sie zeigt deshalb nicht, dass Telefon-Nachhilfe im normalen deutschen Schulalltag Tablets, Lernplattformen oder KI ersetzen sollte. Aber sie macht deutlich, dass Lernerfolg nicht zwangsläufig teure oder aufwendige Technik voraussetzt. Entscheidend ist, ob Kinder passende Aufgaben bekommen, Rückmeldung erhalten und jemand erkennt, wo sie gerade stehen.
Die Frage für Schulen lautet deshalb vielleicht weniger: Welches Gerät brauchen wir? Sondern zuerst: Was hilft den Kindern beim Lernen und welche Technik unterstützt sie dabei?

