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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Air“ von Christian Kracht: Cloud im Magnetsturm
Kultur

„Air“ von Christian Kracht: Cloud im Magnetsturm

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 13. März 2025 07:48
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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„Das Leben war voller Sorgen, aber auch nicht wirklich“. So lautet der erste Satz von „Air“, und in diesem aus dem Englischen entlehnten „but also not really“, dem lässigen Abmoderieren der aufgeblasenen Geste, hat man Christian Kracht im Kern. Man könnte sagen, in diesem Buch wird von Anfang an die Luft herausgelassen. „Ja, erste Sätze sind schön, wenn sie klappen. Ich glaube, dieser ist ganz gut“, sagt Kracht im Gespräch mit dem BR.

Inhaltsübersicht
Auftrag auf der Orkney-InselSehnsuchtsort Barnhill

Und damit willkommen im Spiegelkabinett des Christian Kracht, in einem Roman, der so schwer zu fassen ist wie die „Luft“, die ihm den Titel gibt. Wie kam es dazu? „Das kann ich Ihnen nicht erklären. Es gab eine Menge Titel, und irgendwann habe ich dann diesen gefunden. Und lustigerweise gibt es keinen einzigen Roman auf der Welt, der ‚Air‘ heißt“, sagt Kracht im Gespräch mit dem BR. „Dann sagte meine Tochter noch: ‚Schau mal, Papa, in dem Titel ist AI drin‘, das fand ich dann auch gut, aber da war’s schon entschieden.“

Auftrag auf der Orkney-Insel

„Air“ ist die sich sehr leicht lesende Geschichte des Innenarchitekten Paul, der auf einer abgeschiedenen Orkney-Insel lebt und den Auftrag erhält, das in Norwegen gelegene Green Mountain Data Center in ein „perfektes Weiß“ zu kleiden. Dieses Rechenzentrum ist eine streng bewachte Kaverne, die unfassbare Datenmengen beherbergt. „Dort wohne im Grunde die Cloud“, schreibt der 58-jährige Kracht, der diesen Speicherort unseres digitalen Lebens vor zehn Jahren selbst besucht hat: „Das ist wirklich erstaunlich, das ist so hinter einem Fjord, plötzlich sind da bewaffnete Menschen, dann kann man da aber reingehen und diese riesigen Hallen bewundern, in denen Apple und Google ihre ganzen Sachen aufbewahren“, sagt Kracht.

Auch Paul geht dort hinein, just in dem Moment, in dem eine gewaltige Sonneneruption einen „schockwellenartigen Magnetsturm“ mit Lichtgeschwindigkeit auf die Erde zurasen und alles Leben, den gesamten Planeten verschwinden lässt. Das ist dann die Stelle, wo man an Filme wie Lars von Triers „Melancholia“ denkt. „Das ist lustig, dass Sie das erwähnen“, sagt Kracht im Gespräch, ich gehe nie aus dem Kino, ich schaue mir immer alles zu Ende an. Aber bei Lars von Triers Filmen, da gehe ich immer raus, weil ich die wirklich so misslungen finde und prätentiös und furchtbar, und ‚Melancholia‘ ist gerade noch so erträglich, aber ich bin da auch rausgegangen“, sagt Kracht.

Schade eigentlich, aber der Leser von „Air“ verlässt diesen Roman nicht vorzeitig. Denn jetzt nimmt alles erst richtig Fahrt auf. Paul wechselt in ein völlig anderes Dasein, in eine Fantasy-Welt, in der mit „weißen Keramikpistolen“ geschossen und Eiswüsten durchquert werden müssen. Und in der seltsamerweise immer wieder auf jenen Ort zurückgekommen wird, an dem George Orwell seinen Dystopie-Klassiker „1984“ geschrieben hat, in völliger Isolation: Barnhill auf der schottischen Insel Jura.

Sehnsuchtsort Barnhill

„Das ist tatsächlich die einsamste Insel der Inneren Hebriden“, erzählt Kracht, „es ist wahnsinnig schwer, da hinzukommen: Man muss da eine lange Straße hochfahren, achtzig oder hundert Kilometer, dann ist eine Kette gespannt und dann muss man noch 13 Kilometer zu Fuß gehen, dann erreicht man Barnhill, wo George Orwell im Sterben lag, während er ‚1984‘ schrieb.“ sagt Kracht. Für den Protagonisten von „Air“ ist Barnhill ein Sehnsuchtsort.

Christian Kracht hat mit „Air“ einen verrätselten, ja „airratischen“ Roman geschrieben, ein modernes Märchen, eine Sage, für die, die noch an solche glauben mögen.

„Air“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 25 Euro.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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