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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Goldmohn und „Balmoral“-Blau: Wie schottische Fans feiern
Kultur

Goldmohn und „Balmoral“-Blau: Wie schottische Fans feiern

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 23. Juni 2024 21:46
Von Uta Schröder
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6 min. Lesezeit
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Kaum zu glauben, aber der Trainer der schottischen Nationalmannschaft, Steve Clarke, mag nach eigenen Worten keinen Whiskey [externer Link]. Und das, wo es im Land der Glens und Lochs nach neuesten Angaben 146 Brennereien gibt, angeblich ist das Angebot nirgendwo auf der Welt größer. Aber auch in Schottland gönnt sich der eine oder andere Fußballfan eine Portion Exzentrik. Sprichwörtlich sparsam zum Beispiel sind bei weitem nicht alle Schlachtenbummler, wie es für den schottischen Charakter doch eigentlich prägend sein soll. So gestand der eine oder andere schottische Fan in Interviews, er habe für seine Reise zur EM soviel Geld ausgegeben, dass er sich nicht traue, die genaue Summe seiner Frau anzuvertrauen. Das gilt vor allem für Exil-Schotten, die aus den USA oder Australien nach Deutschland kamen.

Inhaltsübersicht
Kilt-Maßanfertigung für 830 Euro„Meine Lieder, meine Träume“Fataler Hang zum Exhibitionismus?„Wir können uns auch heute noch erheben“

Und damit nicht genug der irritierenden Geständnisse: Der 66-jährige Hamish Husband, einer der Sprecher der „Tartan Army“, der 1977 gegründeten Vereinigung der schottischen Fans, verriet einem Schweizer Fachblatt, dass er keinen Kilt mehr trägt, seit ihn seine Mutter in seiner Kindheit dazu gezwungen habe. Er sei diesbezüglich „traumatisiert“.

Kilt-Maßanfertigung für 830 Euro

Offenbar konnte ihn auch der Schottrock-Produzent Gordon Nicholson aus Edinburgh nicht umstimmen. Der produziert seit 2017 den offiziellen Kilt für die „Tartan Army“, abgeleitet aus den Farben der schottischen Nationalflagge, dem blau-weißen Andreaskreuz [externer Link]. Gewebt wird der Stoff aus der Wolle von Hochland-Schafen natürlich im eigenen Land, in Lochcarron in Selkirk. Die Fans konnten ursprünglich aus fünf Entwürfen auswählen und entschieden sich für ein dezentes Muster in „Balmoral-Blau“ mit feinen roten „Freiheitsstreifen“, ergänzt um einen Goldmohn-Akzent. Der Kilt ist für umgerechnet rund 830 Euro sogar als Maßanfertigung zu haben. Wer sich scheut, im Schottenrock ins Stadion zu gehen, kann ersatzweise zu Krawatte oder Schal im selben Design greifen.

„Meine Lieder, meine Träume“

Weil das schottische Fußballteam in Garmisch-Partenkirchen untergebracht ist, scherzten britische Medien, die Spieler wären sich in der Alpenkulisse vorgekommen wie in einer Neuinszenierung des in Deutschland wenig bekannten Musikfilms „Sound of Music“ (1965, dt. Titel „Meine Lieder, meine Träume“), der in den USA und Großbritannien bis heute als Inbegriff für Leserhosen-Kitsch gilt. In dem dreistündigen Hollywood-Epos kämpft die Trapp-Familie gegen Nazis und rettet sich über die Schweizer Grenze. Für derlei patriotische Heldentaten dürften die Schotten als Bewohner rauer Hochland-Regionen und leidenschaftliche Musiknation ein besonderes Faible haben.

Seit 2007 gilt der Folklore-Song „The Bonnie Banks o‘ Loch Lomond“ in der Fassung der ehemaligen schottischen Band Runrig als Erkennungszeichen der „Tartan Army“. Besungen wird Schottlands größter See, und zwar mit romantischem Überschwang. Überhaupt wird den einstmals mehrheitlich katholischen Schotten (heute bekennen sich nur noch rund 16 Prozent zur päpstlichen Kirche), anders als den anglikanischen Engländern, ein eher melancholischer Charakter nachgesagt: „An jenen schönen Ufern und an jenen schönen Hügeln, wo die Sonne hell auf Loch Lomond scheint, wo meine wahre Liebe und ich stets lagerten, an den schönen, schönen Ufern von Loch Lomond.“

Fataler Hang zum Exhibitionismus?

Schottischen Zeitungen zufolge gehört es zu den lieb gewonnenen Gewohnheiten der Fans, ohne Eintrittskarte nach Deutschland anzureisen und bei Bedarf deutsche Fernsehreporter mit dem Lüften des Kilts zu „schockieren“. Überhaupt zählt der „fatale“ Hang zum „Exhibitionismus“ zu den angeblichen Untugenden schottischer Fans, die außerdem mit ihrer vermeintlich unkontrollierbaren Neigung, die englische Nationalhymne „God Save the King“ auszubuhen, gefürchtet sind.

Wer das alles für Schabernack oder allenfalls Folklore hält, sieht sich durch den Aufsatz eines italienischen Soziologen aus dem Jahr 2008 eines Besseren belehrt. Richard Giulianotti von der britischen Loughborough Universität untersuchte das Fanverhalten der „Tartan Army“ mit dem Instrumentarium französischer Großdenker und Ritual-Forscher wie Michel Foucault und Roland Barthes [externer Link]. Ergebnis: Schottische Stadion-Pilger seien permanent hin- und hergerissen zwischen „aggressivem Machismo“ und dem edelmütigen Bemühen, als fröhliche Botschafter ihres Landes aufzutreten. In der Regel dominiere Letzteres.

„Wir können uns auch heute noch erheben“

Tatsächlich sind schottische Fans überzeugt, sich einen Ruf als „freundlichste Armee der Welt“ erarbeitet zu haben, besondere Kennzeichen: starker Alkoholkonsum und das pausenlose Absingen der inoffiziellen Nationalhymne „Flower of Scotland“ aus der Feder des aus Edinburgh stammenden Folkmusikers Roy Williamson (1936 – 1990). Obwohl sich das schottische Parlament 2015 nicht dazu durchringen konnte, den Song mit einer förmlichen Anerkennung als Hymne zu adeln, ist seine Beliebtheit ungebrochen.

Kein Wunder, wird doch im Text an den legendären Sieg der Schotten unter ihrem König Robert Bruce über den englischen König Edward II. am 23. und 24. Juni 1314 in Bannockburn erinnert – ein Ereignis, das sich aktuell zum 710. Mal jährt und in keinem Reiseführer unerwähnt bleibt: „Wir können uns auch heute noch erheben, und wieder eine Nation sein, wie sie sich einst dem stolzen Heer Edwards entgegenstellte – und ihn nach Hause schickte.“

Dokumentarfotograf Tony Davis, der über die „Tartan Army“ einen Fotoband herausbrachte, sagte über die Fans, die ihn so sehr faszinierten: „Soweit ich weiß, haben sie sich seit Anfang der 80er Jahre unter Kontrolle, also gibt es keine Anzeichen für irgendwelche Probleme – nur ausgelassene Späße und ein starkes Identitätsbewusstsein und jede Menge Stolz.“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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