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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Essstörung ARFID: Besser erkennen, abgrenzen und behandeln
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Essstörung ARFID: Besser erkennen, abgrenzen und behandeln

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 21. November 2025 09:47
Von Michael Farber
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6 min. Lesezeit
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Fachärztin Dr. Silke Naab behandelt Jugendliche mit Essstörungen wie Magersucht und Bulimie in der Schön Klinik Roseneck, darunter vereinzelt ARFID-Patienten. Sie empfiehlt Eltern, im Gespräch herauszufinden, warum ihr Kind sein Essverhalten verändert, und zu beobachten, ob es dauerhaft sehr wenige Nahrungsmittel und ungern isst.

Inhaltsübersicht
Essstörung ARFID oft als „Picky Eating“ verharmlostAngst und Ekel bestimmen EssverhaltenForschung vermutet mehrere Ursachen für Essstörung ARFIDAuch Soziale Medien spielen eine RolleStudien sollen Diagnose und Therapieangebot bei ARFID verbessernWachsender Bedarf an Therapie-Möglichkeiten

„Eltern sollten sich dann Sorgen machen, wenn das über Wochen und Monate bestehen bleibt. Wenn das Kind oder die Jugendliche gegebenenfalls gar nicht mehr bei den gemeinsamen Mahlzeiten dabei sein möchte. Also wenn man da die Sonderkost kochen muss und das Leben darüber in der Familie schwierig wird.“ Dr. Silke Naab, Ärztin

Essstörung ARFID oft als „Picky Eating“ verharmlost

Wenn ein Kind im Alter zwischen drei und sechs Jahren plötzlich weniger oder nur bestimmte Lebensmittel essen will, ist das meist eine vorübergehende Phase. Doch bei etwa zwei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren führt die bislang kaum bekannte Essstörung ARFID [externer Link] zu einer dauerhaften und extremen Fixierung auf sehr wenige Lebensmittel. ARFID ist die Abkürzung des englischen Fachnamens „Avoidant or Restrictive Food Intake Disorder“.

ARFID ist eine seltene Erkrankung und in der Öffentlichkeit bislang wenig bekannt, deshalb wird sie von Eltern fälschlich als Rosinenpickerei oder Mäkelei gedeutet. „Manche nehmen nur noch sehr wenige Nahrungsmittel zu sich, oft appetitanregende Speisen wie Pizza, Pommes oder Eis“, erklärt Prof. Dr. Andrea Hartmann Firnkorn. Wichtig sei: Betroffene Kinder oder Jugendliche zeigten bei dieser Essstörung aber ein allgemeines Desinteresse am Essen.

Angst und Ekel bestimmen Essverhalten

Die Psychologin forscht im Bereich Experimentelle Klinische Psychologie an der Universität Konstanz und betont den Leidensdruck der Betroffenen bei dieser „restriktiv-vermeidenden Essstörung“. Bei ARFID bestimmen Angst oder Ekel, was überhaupt noch gegessen werden kann. Allein die Konsistenz kann bei der Erkrankung eine dauerhafte und extreme Abneigung gegen ganze Lebensmittelgruppen hervorrufen. Ebenso intensive Farben und Gerüche, beispielsweise von Obst, Gemüse oder Milchprodukten, so Expertin Hartmann Firnkorn.

„Erkrankte Jugendliche berichten in der Therapie davon, dass sie sich für ihre extreme Fixierung auf sehr wenige Lebensmittel schämen.“ Im Extremfall ziehen sich die Betroffenen deshalb komplett von sozialen Aktivitäten wie Familienessen, Geburtstagsfeiern oder Restaurantbesuchen zurück.

Forschung vermutet mehrere Ursachen für Essstörung ARFID

Prof. Dr. Ulrich Voderholzer ist klinischer Direktor der Schön Klinik Roseneck und forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zu Essstörungen. „Genetische und biologische Faktoren spielen generell bei Essstörungen eine wichtige Rolle. Auch Persönlichkeitsmerkmale wie Ängstlichkeit oder Gewissenhaftigkeit werden häufig bei Betroffenen beobachtet.“

Oft leiden Betroffene unter weiteren psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder einer Angststörung. Im Zusammenhang mit neuropsychologischen Störungen wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen wurde ARFID häufiger diagnostiziert. Bekannt ist auch, dass unangenehme Ereignisse zu negativen Assoziationen führen können, die Betroffene dann oft fälschlich generalisieren. „Beispielsweise kann sich ein erkältetes Kind mit geschwollenen Mandeln an einer Breze verschlucken und entwickelt daraufhin eine Angst vor trockenen Lebensmitteln.“ Wird eine virale Magen-Darm-Erkrankung fälschlich auf ein bestimmtes Essen zurückgeführt, rufen die Zutaten bei ARFID-Erkrankten dauerhaft Übelkeit hervor.

Auch Soziale Medien spielen eine Rolle

Viele jugendliche Patienten seiner Klinik fürchteten sich auch vor vermeintlichen Nahrungsmittelunverträglichkeiten, so Prof. Dr. Voderholzer. Er ist überzeugt, eine unkontrollierte und exzessive Mediennutzung sowie widersprüchliche, oft auch unwissenschaftliche Ernährungstipps auf Social Media verstärkten die ohnehin oft große Unsicherheit bei Minderjährigen. Jugendliche könnten dadurch starke Ängste vor Lebensmitteln und schließlich eine Essstörung entwickeln. Prof. Dr. Voderholzer betont jedoch, noch sei die Studienlage zu ARFID dünn.

Studien sollen Diagnose und Therapieangebot bei ARFID verbessern

Der Wunsch, durch ein reduziertes Essverhalten abzunehmen oder ein bestimmtes Körperbild zu erreichen, sind bei ARFID nicht zentral, anders als bei Minderjährigen mit einer Anorexie und Bulimie-Erkrankung. Doch auch ARFID, die vergleichsweise noch seltene Essstörung, führt dauerhaft zu einer gesundheitsschädlichen Fehl- und Mangelernährung. Bislang wird die Erkrankung oft erst spät erkannt, weil Betroffene ein Untergewicht entwickeln. Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig zeigt aber, dass offenbar auch Erwachsene von ARFID betroffen sein können, darunter sogar Menschen mit Adipositas.

Wachsender Bedarf an Therapie-Möglichkeiten

Mit ihrer Arbeitsgruppe erforscht Prof. Dr. Hartmann Firnkorn in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Telemedizin e.V. in Bad Kissingen die Wirksamkeit einer speziellen ARFID-Therapie. Im ersten Schritt wurde für die neue ARFID-Therapie mit zehn Familien überprüft, wie eine Selbstlernplattform helfen könnte.

Langfristiges Ziel des Projekts ist es, herauszufinden, ob und in welchen Fällen ein digitales Angebot mit vereinzelten Videotherapie-Stunden eine geeignete Behandlungsmöglichkeit bietet. Die Expertin sieht einen wachsenden Bedarf an flexibler stufenweiser Unterstützung und verweist auf eine Unterversorgung: Aufgrund der allgemein zunehmenden psychischen Belastung von Jugendlichen gebe es Wartelisten für Therapieplätze, dasselbe gelte für die Teilnahme bei Studien zu Essstörungen.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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