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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Biblisches Getümmel: „Jesus Christ Superstar“ als Massenauflauf
Kultur

Biblisches Getümmel: „Jesus Christ Superstar“ als Massenauflauf

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 20. September 2025 09:46
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Berlin lässt sich schwer beeindrucken, außer von Spektakeln. Die waren hier schon immer sehr beliebt und wurden auch immer wieder gern mal mit Kunst verwechselt. Alles, was laut, schnell, frech und pompös ist, kommt in der deutschen Hauptstadt traditionell gut an. Insofern zielte die Komische Oper zum Auftakt der neuen Spielzeit mitten ins Herz des örtlichen Publikums: Die Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“, aufgeführt in einem der monumentalen Hangars des früheren Flughafens Tempelhof, und zwar als Massenauflauf, mit mehreren hundert Tänzern.

Inhaltsübersicht
Wie eine Probe zu „Metropolis“Nichts von Schwung und Intensität verlorenNicht-binär orientierter HerodesBerlin neigt nicht zur Erbaulichkeit

Wie eine Probe zu „Metropolis“

Mehr Event geht nicht, und, um einen Jubelruf von Bundeskanzler Friedrich Merz zu zitieren, mehr „Rambazamba“ auch nicht. Eines muss man Regisseur Andreas Homoki, bis vor kurzem Intendant der Oper in Zürich, lassen: Er bewahrte in diesem Gewimmel stets den Überblick, zeigte die Atmosphäre eines Rockkonzerts und meisterte die Massenszenen so gut wie einst der berühmte UFA-Regisseur Fritz Lang in seinen Monumentalfilmen.

Allerdings wirkte das biblische Getümmel auch beinah so altmodisch: Da wurden wiederholt die Arme gereckt, Menschen-„Pyramiden“ gebaut, mäßig wilde Flower-Power-Happenings und ebenso handzahme Volksempörung angedeutet. Sehr expressionistisch sah das alles aus, wie eine Probe für „Metropolis“, aber es passte zur Musik, denn der damals 22-jährige Komponist Andrew Lloyd Webber setzte schon 1970 ganz auf Pathos, seine besondere Spezialität.

Nichts von Schwung und Intensität verloren

Bekenntnishafte Hymnen konnte er wie kaum ein anderer: traurige, fröhliche, wütende, verzweifelte. Als ob sich ein Kirchenmusiker in Motown verirrt hat und Gospel- mit Disco-Sound durcheinanderbrachte. Humor ist bis heute weniger Webbers Stärke, aber der wird bei „Jesus Christ Superstar“ ja auch nicht benötigt, allenfalls eine Prise Ironie.

Webbers genialisches Jugendwerk hat bis heute nichts von seinem Schwung und seiner Intensität verloren, ganz im Gegensatz zu Musicals wie „Cats“ oder „Das Phantom der Oper“, die mittlerweile etwas Moos angesetzt haben. Deshalb war das Premierenpublikum in Tempelhof altersmäßig auch auffallend durchmischt: Rockmusik verbindet die Generationen, und Dirigent Koen Schoots legte viel Wert darauf, „Jesus Christ Superstar“ alles Musicalhafte, alles Beschauliche auszutreiben, schließlich gibt es auch keine Dialoge, das Ganze war ursprünglich ein Konzeptalbum.

Nicht-binär orientierter Herodes

So herbe, rau und ruppig interpretiert macht die Musik Sinn, zumal mit Broadway-Star John Arthur Greene als Jesus und dem deutschen Model und Sänger Sasha Di Capri als Gegenspieler Judas zwei kernige Mannsbilder auf der Bühne standen, deren Erlösungs-Duell durchweg faszinierte. Insgesamt fehlte eine schlüssige Interpretation, ein Regiekonzept, das über die Bändigung der Massen hinausging. Da hat Musical-Profi Andreas Gergen im vergangenen Jahr an der Nürnberger Oper mit einer zeitgemäßen Neudeutung des Stücks mehr Mut bewiesen, ebenso wie Josef Köpplinger 2017 am Münchner Gärtnerplatztheater.

So blieb es in Berlin beim viel beklatschten Spektakel und überdrehten Showeinlagen, ob von begeisterten Jesus-Fans wie Simon Zelotes oder vom in diesem Fall offenbar wieder mal nicht-binär orientierten König Herodes.

Trotz seiner protzigen goldfarbenen Uniform wirkte Pontius Pilatus (Kevin(a) Taylor) als römische Führungskraft etwas unbeteiligt, strahlte jedenfalls nicht das Charisma eines Machtmenschen aus. Auch Ilay Bal Arslan als Maria Magdalena war vergleichsweise unterkühlt als Trösterin und Geliebte des Messias, was vermutlich beabsichtigt war, denn Süßlichkeit und Sentimentalität sollten ja unbedingt vermieden werden.

Berlin neigt nicht zur Erbaulichkeit

Philipp Stölzl, der sonst selbst inszeniert – wie den „Freischütz“ bei den Bregenzer Festspielen – hatte diesmal nur das Bühnenbild entworfen: wenig mehr als ein großes Licht-Kreuz und einen Laufsteg. Opulent dagegen die Lichtregie, einschließlich Pyro-Effekten, die das Spektakel erst richtig befeuerte. Fürs Auge und fürs Ohr war viel geboten, für Herz und Seele weniger, aber Berlin neigt bekanntlich nicht zur Erbaulichkeit.

Wieder am 20., 21. und 27. September 2025 im Hangar 4 vom ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin an der Komischen Oper, weitere Termine.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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