Sogar Techno-tauglich ist er mittlerweile, der Seidenschal. „I got new hobby, I put silk on my body“, singt der kanadische DJ Tiga in einem seiner neusten Songs. Die trockenen, elektronischen Beats passen zwar nicht so recht zu fließender Seide, aber mit seiner Single liegt Tiga durchaus im Trend.
Keine Frühjahrskollektion ohne Seide
Das Seidentuch dominiert in diesem Jahr die Frühjahrskollektionen der großen Modehäuser – von Dior über Gucci bis Hermès. Und es ist auch auf der Straße angekommen: Die Älteren holen es wieder aus dem Kleiderschrank, die Jüngeren in den Boutiquen der Modeketten, die Seidentücher in allen Farben, Größen und Mustern anbieten.
In der Haute Couture hat Seide seit jeher ihren festen Platz. Doch bis zuletzt war das Image des Seidentuchs etwas verstaubt: eher Symbol für Reichtum, Privilegiertheit und Spießigkeit. Sein Comeback feiert es nun überraschend lässig. Auch vom Hals hat es sich mittlerweile emanzipiert, beobachtet Melanie Wittchow, Dozentin für Kunst- und Modegeschichte an der Deutschen Meisterschule für Mode in München. „Bei Ferragamo oder Dior wird es um die Hüfte gewickelt und fällt nach unten, so wie man es aus den 20er-Jahren kennt oder aus der Hippie-Zeit der Siebziger.“
Ein uraltes Prinzip der Mode: Rekontextualisierung
Bei Celine wird das Seidentuch sogar selbst zum Kleidungsstück – das französische Label schickte in diesem Frühjahr Models von Kopf bis Fuß in Seidentücher gekleidet auf den Laufsteg. Dazu kommen noch viele Promis, etwa Popstar Rhianna, die das Accessoire in seiner Vielseitigkeit präsentieren: als farbenfrohen Anhänger an der Handtasche oder um deren Henkel gewickelt, als textiles Schmuckstück am Handgelenk, an die Gürtelschlaufe geknotet oder in die Frisur integriert.
Wie kann ein Accessoire, das eben noch so eng mit Biederkeit und Luxus verknüpft war, so jung und hip werden? Melanie Wittchow findet das gar nicht so erstaunlich. „Das ist der Mode eigentlich inhärent“, betont sie. „Dass sie Elemente aus einem standardisierten Kontext herausnimmt und in einen neuen Kontext setzt und damit einen neuen Trend schafft.“
Vielseitig und nachhaltig: Die vielen Vorteile des Seidentuchs
Das Seidentuch, das sich in Sekundenschnelle zum schicken Top umfunktionieren lässt, sei insbesondere für Frauen interessant, die im Alltag zwischen Familie, Beruf und Freizeit jonglieren, so die Modehistorikerin. Aber auch Männer setzen das Seidentuch spielerisch ein – als genderfluides Accessoire bricht es auch alte Rollenbilder auf. Und nachhaltig ist es ob seiner Vielseitigkeit ohnehin.
Natürlich umweht das Seidentuch immer noch ein Hauch von Nostalgie und Luxus. Die Assoziation mit 60er-Jahre-Modeikonen wie Elizabeth Taylor, Audrey Hepburn oder Grace Kelly ist unauslöschbar. Allerdings stehe es eher für eine Form von „quiet luxury“, meint Wittchow. „Man kann es sehr dezent in seine Garderobe integrieren, ohne hier sich laut zu inszenieren.“
Vielleicht ist es auch das, was das Comeback des Seidentuchs so … geschmeidig macht.

