Wenn Oliver und Florian Mitgutsch ein Wimmelbuch ihres Vaters Ali aufklappen, dann geht es sofort los: das Entdecken eigener Familienerlebnisse. Wie schon im ersten Wimmelbuch „Rundherum in meiner Stadt“. Da gibt es diese Szene, dass ein Junge auf seinem Rad einer älteren Dame in den Hintern fährt. Der Junge reißt vor Schreck die Augen auf und der älteren Dame purzeln sämtliche Einkäufe aus der Tasche. Sie schreit. Und Oliver Mitgutsch erinnert sich, dass er mal in München im Englischen Garten so gegen eine Frau gefahren ist, dabei sicher auch „so ein ähnliches Gesicht“ gemacht hat.
Als Kinderbuch-Autor und Illustrator Ali Mitgutsch 1968 mit seinem ersten Wimmelbuch auf einen Schlag berühmt wurde, war Oliver acht Jahre und Florian vier Jahre alt. Seit dem Tod ihres Vaters 2022 verwalten die Brüder gemeinsam mit ihrer Schwester den Nachlass. Die Internationale Jugendbibliothek in München widmet Ali Mitgutsch nun erstmals eine Ausstellung zu seinem Leben und Gesamtwerk.
Wimmelbilder waren revolutionär
Für die beiden Mitgutsch-Brüder waren die Bilder ihres Vaters in ihrer Kindheit omnipräsent, daher auch etwas völlig Normales. Dass ihr Vater mit den Wimmelbüchern aber auch etwas Revolutionäres in der Kinderliteratur geschaffen hatte und mit der Wimmelperspektive ein völlig neues Genre begründete, nahmen die Kinder erst später wahr. Als sie entdeckten, wie demokratisch es auf den Bildern zugeht.
Alles passiert gleichzeitig. Und jedem darf alles passieren. Ohne Hierarchie. Und ganz wichtig: Kinder sind mittendrin. Als sichtbarer Teil der Gesellschaft. „Er fand es richtig, dass wir uns als Kinder bemerkbar machten“, sagt Oliver Mitgutsch. „Weil er aus seiner Kindheit wusste, wie sich das anfühlt, wenn Kinder es nicht dürfen. Als Kind in der Nazizeit hatte man wenig Chancen, sich zu äußern. Zu entfalten. Und deswegen hat er gesagt,ich möchte, dass meine Kinder das können, und ich möchte das hier auch zeigen, dass Kinder das dürfen.“
Schwierige Kindheit im Allgäu
Ihr Vater Alfons Mitgutsch wird 1935 in München geboren. Seine Mutter gibt ihm den Spitznamen Ali. Im Zweiten Weltkrieg wird die Familie ausgebombt. Sie ziehen raus aufs Land – ins Allgäu. Für Ali Mitgutsch beginnt eine Zeit als Außenseiter. Er wird schikaniert, hat als Legastheniker Probleme in der Schule.
Als Erwachsener kehrt er nach München zurück. Gründet seine eigene Familie mit Ehefrau Karin und ihren drei gemeinsamen Kindern. Und er wird zur wichtigen Stimme der Bürgerbewegung, wie Christiane Raabe ihn beschreibt. Sie ist Kuratorin der Ausstellung und Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek. Und verweist dabei zum Beispiel auf die „Aktion Maxvorstadt“, die sich gegen Immobilienspekulation und gegen Mietpreiserhöhungen stellte und die Ali Mitgutsch als bekannte Persönlichkeit unterstützte.
Politisches in jedem Wimmelbild
Raus aus dem Mief der 50er-Jahre, raus aus der Spießbürgerlichkeit, das lebte Ali Mitgutsch. Und das thematisierte er auch in seinen Wimmelbüchern. „Wenn man die Wimmelbücher durchschaut, sehen wir immer eine Welt, die sich wandelt, im Aufbruch ist. Es gibt fast in jedem Wimmelbuch eine Baustelle, da wird irgendwie Altes abgebrochen, Neues entsteht, das ist nicht unbedingt schön, was wir da sehen, sondern da passiert viel“, beschreibt Christiane Raabe die Werke.
Dennoch – auf Wimmelbilder allein soll ihr Vater nicht reduziert werden, sagen seine Söhne. Deshalb ist ihnen auch diese erste Gesamtschau auf sein Schaffen so wichtig. „Für uns war er wesentlich mehr in jeder Hinsicht als am Schluss dieser eher schon anekdotische Onkel mit seinem Mützchen“, sagt Oliver Mitgutsch. „Das war auch mal ein junger Mann und ein Vorbild, ein Held oder vielleicht auch mal ein Tyrann. In diesen verschiedenen Rollen haben wir ihn erlebt.“ Und so ist jetzt vieles aus seinem Leben zum ersten Mal zu sehen.
Die Ausstellung „Augen auf. Ali Mitgutsch und das große Gewimmel“ ist bis März 2027 in der Internationalen Jugendbibliothek in München zu sehen.

