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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Bis dahin bin ich tot“: Memoiren von Ex-Terroristin Maier-Witt
Kultur

„Bis dahin bin ich tot“: Memoiren von Ex-Terroristin Maier-Witt

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 13. Februar 2025 08:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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„Eigentlich war es lachhaft“, so der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum über die Terrorismus-Angst der siebziger Jahre. Es habe damals eine Stimmung geherrscht, als ob die Bundesrepublik dem Untergang geweiht gewesen sei: „Die Bundesregierung stand damals unter ungeheurem öffentlichen Druck.“

Inhaltsübersicht
Fototermin mit der BILD-Zeitung in Skopje„Keine Waffe auf bloßer Haut“„Gerd versucht, alle Wünsche zu erfüllen“„Mir hat oft Gelassenheit gefehlt“

Fototermin mit der BILD-Zeitung in Skopje

Tatsächlich hätten rund dreißig Terroristen der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) gegen 60 Millionen Bundesbürger angekämpft. Aus heutiger Sicht ist die Hysterie tatsächlich schwer nachzuvollziehen, da hat Baum schon recht mit seiner Bemerkung, die sich am Ende der Lebenserinnerungen der Ex-Terroristin Silke Maier-Witt findet. Titel: „Ich dachte, bis dahin bin ich tot“. Das bezieht sich auf ihr Eingeständnis, dass sie zunächst nicht damit gerechnet hatte, jemals Verantwortung für ihre Taten übernehmen zu müssen, eben weil sie davon ausging, früh zu sterben.

Medienscheu ist Silke Maier-Witt nun wirklich nicht: Es gibt zahlreiche Interviews, TV- und Online-Auftritte, und sie ging nach ihrer Haftzeit auch nicht dem von der BILD-Zeitung organisierten gemeinsamen Fototermin mit dem Sohn des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer aus dem Weg – am dreißig Meter hohen Gipfelkreuz des Hausbergs Vodno im mazedonischen Skopje, wo sie neun Jahre als Landesleiterin des „Forums Ziviler Friedensdienst“ tätig war.

„Keine Waffe auf bloßer Haut“

Wer die bisherigen Auftritte von Silke Maier-Witt verfolgt hat, wird in ihrem Buch wenig Neues erfahren. Allerdings ist manches nach wie vor befremdlich, erschütternd, auch grotesk. Und immer wieder „lachhaft“, um Gerhart Baum zu zitieren. Konspirative Telefonate führt die Terroristin zeitweise ausgerechnet als Hilfskraft bei der Telefonauskunft. Da fallen Anrufe am wenigsten auf. Geheime Treffpunkte werden am Telefon nie konkret benannt, denn egal, in welcher Stadt sich die Illegalen verabreden: Es ist immer in der jeweiligen „Wienerwald“-Filiale.

Terrorist Peter-Jürgen Boock bringt ihr unter Marihuana-Einfluss bei, wie sie eine Pistole bedient. Beim Shoppen in Holland stellt Maier-Witt fest, dass sie ab sofort weite Hosen und lange Blusen tragen muss, um die Waffe unauffällig mitzuführen. Zu lang sollten die Blusen allerdings auch nicht sein: „Damit ich mich beim Ziehen nicht verheddere. Die Waffe auf der bloßen Haut zu tragen, ist auch nicht gut, dann rostet sie vom Schweiß. Also muss ich Unterhemden tragen.“

„Gerd versucht, alle Wünsche zu erfüllen“

Natürlich beschreibt die Ex-Terroristin ihren Familienhintergrund. Der Vater war bei der SS (seit 1937 NSDAP-Mitglied) und stellte sich nie seiner Schuld. Manches ist beklemmend, doch noch viel mehr unfreiwillig komisch. So freute sie sich nach der Flucht in die DDR über die dortigen vermeintlich „übersichtlichen“ Supermärkte („Wer um alles in der Welt braucht fünfzig Sorten Joghurt?“) und wunderte sich über den Geschmack von DDR-Schokolade: „Wir staunen ungläubig – der Sozialismus ist nicht perfekt.“

Eine Nasenoperation verlief im Sinne der Tarnung wenig zufriedenstellend, und als sie Gelegenheit hatte, sich als „Angelika Gerlach“ eine neue Biografie zuzulegen, machte sie sich etwas jünger und war wieder 29. Für den betreuenden Stasi-Hauptmann gibt es viel Lob: „Gerd versucht, alle Wünsche zu erfüllen.“

„Mir hat oft Gelassenheit gefehlt“

Am meisten nehme sie sich selbst übel, als Terroristin zeitweise auch noch stolz auf ihre Taten gewesen zu sein, so Silke Maier-Witt. Damals habe sie bedauert, keinen „größeren Beitrag“ an der Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer geleistet zu haben. Für ihre ehemaligen „Mitkämpfer“ sei sie als Kronzeugin der Anklage seit Jahren eine „Verräterin“: „Wie engstirnig und verbohrt muss man sein, um über Jahrzehnte hinweg Fakten zu ignorieren? Ist es so schwer, anzuerkennen, dass all die Morde nichts, aber auch gar nichts bewirkt haben?“

Insgesamt ein Buch über eine sehr deutsche Verirrung und ein Fazit, das auch heute noch Gültigkeit beanspruchen darf: „Gewalt löst niemals Probleme. Ich weiß, wovon ich spreche. Vielleicht ist Gelassenheit ein guter Ratgeber, auch wenn’s schwerfällt. Mir hat die oft gefehlt.“

Silke Maier-Witt mit André Groenewoud: „Ich dachte, bis dahin bin ich tot. Meine Zeit als RAF-Terroristin und mein Leben danach„, Kiepenheuer & Witsch-Verlag, 26 Euro.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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