Über die Gründe wird viel spekuliert, auch gestritten. Fest steht: Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt entschied sich Meinungsforschern zufolge die Hälfte aller männlichen Wähler für die AfD. Frauen fanden die Partei deutlich weniger attraktiv.
Dazu die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer gegenüber dem BR: „Rechte Parteien sind Männerparteien und diese Männer stärken sich gegenseitig in ihrem Mannsein. Es sind männerbündische Parteistrukturen und auch die weiblichen Führungsfiguren performen so etwas wie politische Männlichkeit oder politische Maskulinität. Wer angesprochen wird von rechten Parteien, sind hauptsächlich Männer.“
„Junge Männer sollen keine ‚Soja-Boys‘ sein“
Rechte Parteien in ganz Europa, nicht nur die AfD in Deutschland, inszenieren sich gern als Bollwerke gegen unliebsame gesellschaftliche Veränderungen. Verunsicherte Männer fürchten um traditionelle Rollenbilder, sehnen sich nach einer Berufs- und Familienwelt zurück, in der sie das Sagen hatten und kaum weiblicher Konkurrenz ausgesetzt waren.
„Man kann tatsächlich sehen, dass die extreme Rechte sich in den letzten zehn Jahren, vielleicht schon ein bisschen länger, auf eine solche Vorstellung von Maskulinität, von soldatischer, harter Männlichkeit verlegt hat“, so Birgit Sauer: „Man soll sich nicht einreden lassen, soft und lieb zu sein, sondern junge Männer sollen ‚echte‘ Männer sein, sie sollen keine ‚Soja-Boys‘ sein.“
Indiz dafür sei auch das „Looksmaxxing“, der Trend zur äußerlichen Selbstoptimierung von Männern, die möglichst kantige Gesichtszüge und „sportliche“ Frisuren anstrebten.
Entsprechend maskulin waren die Parolen und Bilder, mit denen die AfD den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt bestritt. Ein dynamisch wirkender Spitzenkandidat schwang sich auf Simson-Krafträder und sauste fotogen über die Landstraßen. Die Botschaft erreichte das Zielpublikum, wie der Hallenser Historiker Yves Müller beobachtete: „Die Männer sind sehr präsent. Man sieht es auch an der Verbindung Mann-Maschine mit diesen berühmt-berüchtigten Simson-Ausfahrten, die deutlich männlich dominiert sind. Sie wollen damit signalisieren, dass sie die normale Mitte der Bevölkerung sind, dass sie inzwischen einen Großteil der Arbeiterschaft, auch der Selbständigen, repräsentieren.“
„Es gibt eine Härte“
Rechtsextreme Männer feiern gern ihre eigene „Härte“, worunter Entschlossenheit zu verstehen ist, die gerade durch ihre Aggressivität politische Orientierungslosigkeit überdecken soll.
„Es gibt eine Gewaltförmigkeit in der Sprache der Partei. Das hat unser politisches Zusammenleben durchaus stark geprägt in den letzten Jahren“, so Yves Müller: „Da ist eben auch eine Härte zu sehen. Das zeigt sich, wenn man über die AfD hinausschaut, durchaus daran, dass es diese Active-Clubs gibt, dass es den ‚Dritten Weg‘ und andere neonazistische Kleinstparteien und Organisationen gibt, die gerade durch Kampfsport-Angebote punkten.“
Diese Art Maskulinität ist womöglich nur Fassade, aber gerade das könnte das Erfolgsrezept der AfD sein: Männer anzusprechen, die genau zu wissen glauben, was männliche Tugenden sind, aber das Gefühl haben, in der modernen, globalisierten Wirtschaftswelt damit nicht mehr weiterzukommen.
„Immer auch mit Dekadenz behaftet“
Körperliche Kraft schützt nicht vor Kündigungen. Birgit Sauer: „Zunächst muss man mal sagen, dass diese Krise der Männlichkeit, korrekter müsste man sagen, die Krise der weißen Männlichkeit, ein Diskurs ist, den die rechten Parteien und Organisationen überhaupt erst ins Leben gerufen haben. Sie befördern den Diskurs einer Krise der Männlichkeit. Ob es diese Krise tatsächlich gibt, sei dahingestellt, aber klar ist, dass sich im Alltag, im Leben von Männern in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren, doch einiges verändert hat.“
Es hat schon seinen Grund, dass die AfD in Großstädten weniger gewählt wird als auf dem flachen Land, meint Historiker Yves Müller: „Grundsätzlich gilt queeres Leben, gilt Homosexualität bei den Rechten immer als Abweichung. Das ist immer auch mit Dekadenz behaftet. Da wird auch ein Stadt-Land-Gefälle aufgemacht, dass in der Stadt die Dekadenz, der Niedergang regiert.“
Müller hat den Eindruck, dass sich viele männliche Sympathisanten der Rechtsextremen – zumindest in Ostdeutschland – nach den 1990er Jahren zurücksehnen und somit einer Art „Retrotopie“ huldigen, ihre Zukunft also in der Vergangenheit verorten.

