Wer Oasis nächstes Jahr live sehen möchte, hat es schwer. Alle Konzerte sind mittlerweile ausverkauft. Für mehrere Kraftklub-Konzerte gibt es ebenfalls keine Tickets mehr. Und spontan noch auf einem der 35 Tourstopps der Ärzte 2027 vorbeischauen? Keine Chance.
Gleichzeitig liest man Geschichten wie diese: Künstler wie Wincent Weiß, Max Giesinger oder Gabriel Kelly mussten entweder eine Show oder gleich ihre ganze Tournee mangels geringer Ticketverkäufe absagen. Kelly teilte die Nachricht via Instagram [externer Link] mit seinen Fans. Er sei schon mitten in den Proben gewesen und habe „immer alles gegeben, um die Tour zu promoten“. Geholfen hat es offenbar wenig: „Meine Tour wird abgesagt“.
Noch dramatischer ist der Trend in den USA. Konzertabsagen sind dort fast schon normal. Der Publikumsschwund schmerzhaft spürbar. Mittlerweile hat das Phänomen dort auch schon einen Namen: „Blue Dot Fever“.
„Blue Dot Fever“ in den USA – auch in Deutschland?
Wenn es für ein Konzert bei Anbietern wie Ticketmaster noch Karten gibt, werden verfügbare Plätze mit einem blauen Punkt angezeigt. „Blue Dot Fever“ meint also: Immer mehr Plätze bleiben leer.
Von so einem „Fieber“ sei in Deutschland noch nichts zu spüren, meint Johannes Everke. „Die Leute kommen und sie geben auch erheblich viel Geld aus für Live-Kultur“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft. Er sei überrascht, wie nachgefragt Live-Kultur bei einer jüngeren Zielgruppe ist. Bei ihnen werde „der Wert von echten analogen Erlebnissen höher bewertet als der Wert von Besitz.“ Der Umsatz stimmt also. Allerdings nicht für jeden Künstler. Die Verteilung ist das Problem.
Teure Ticketpreise machen es kleinen Künstlern schwer
Der Durchschnittspreis für ein Oasis-Ticket, wenn man alle verfügbaren Ticketkategorien mit einberechnet, liegt bei 323 Euro. Dafür könnte man beispielsweise auf zehn Konzerte von Newcomern für 32 Euro gehen. „Wenn die Ticketpreise steigen und so hoch sind, dann belastet das den persönlichen Kulturetat“, analysiert Johannes Everke. Wer also schon zu Oasis geht, wird auf weitere Konzerte in diesem Monat eher verzichten.
Die Ticketpreise sind seit Corona in die Höhe geschossen. Sei es durch die Energiekrise, teureres Personal, höhere Sicherheitsvorkehrungen oder durch die Honorarforderungen der Künstler. Laut Everke machen CDs, Platten oder Streaming nur noch 5,2 Prozent des Gewinns aus. Die wichtigste Einnahme ist das Live-Geschäft. „Zum Teil haben sich die Honorarforderungen verdreifacht“, sagt Everke. Über Konzerte sichern Künstler ihre Existenzen. Den „Kleineren“ gelingt das jedoch immer seltener.
„Circle of Life“ soll kleineren Artists helfen
Eigentlich gilt in der Branche der „Circle of Life“, erzählt Johannes Everke. Sein Lieblingsbeispiel: Ed Sheeran. „Ed Sheeran hat in dem Jahr, bevor er seinen ersten großen Song platziert hat, 300 Shows in einem Jahr gespielt.“ Dann wurde er berühmt. Nicht immer laufe es zwar so, aber die Grundidee sei, dass Veranstalter Künstler auf dem Weg zur Karriere begleiten und in sie investieren. Unter anderem durch den Gewinn, den sie mit bekannteren Acts machen. Das wäre einer der Lösungsvorschläge für das Problem.
„Deswegen schauen wir sehr darauf, dass die kleinen Clubs und die kleinen Festivals oder die kleinen Festivalbühnen auf den großen Festivals, dass diese Orte, wo Künstler ihr Publikum erobern und Nähe finden zu den Fans, bestehen bleiben.“ Trotzdem: Dieses gutgemeinte Geschäftsmodell kann nur bestehen bleiben, wenn die Branche eben den erwünschten Gewinn abwirft. Mit zunehmenden Kosten steigt aber auch hier der Druck. Erstmal müssen die hohen Ausgaben refinanziert werden. Und zudem bleibt im „Circle of Life“ auch immer ein gewisses Risiko.
Kein klares Muster bei Konzertabsagen
Everke betont aber dennoch: Konzertabsagen gab es immer. Jetzt seien die Künstler nur mutiger, offen darüber zu sprechen. Eine Absage sei immer auch ein Zusammenspiel diverser Faktoren. Womöglich hat der betroffene Künstler erst vor kurzem an der betroffenen Location gespielt oder spielt generell zu viel. Es ist auch möglich, dass ein Konzert sich an einem bestimmten Ort nicht verkauft, dafür an fünf anderen Locations sofort ausverkauft ist. Nicht alles ist ein Fieber-Symptom.

