Seit sage und schreibe 25 Jahren begeistert der „König der Löwen“ in Hamburg das Musical-Publikum, in London gibt es mit „Les Misérables“ und „Phantom der Oper“ sogar Erfolgsstücke, die seit 40 Jahren auf dem Spielplan stehen. Schön für die Urheber und die Produzenten, natürlich auch für die Fans, aber musikalische Vielfalt sieht anders aus. Gerade deshalb verteidigt Thomas Linsmayer, der Intendant des Deutschen Theaters München, sein inzwischen 130 Jahre altes Haus gegen hier und da aufkommende Privatisierungsforderungen.
Muscial-Subventionierung städtische Aufgabe?
Die Subventionierung von Musicals sei keine städtische Aufgabe, meinen manche Politiker und verweisen darauf, dass Linsmayers Bühne zwar vergleichsweise hohe Eigeneinnahmen habe, aber derzeit dennoch mit jährlich rund zwei Millionen Euro bezuschusst wird. Könnte das ein privater Veranstalter, etwa die in Hamburg sehr präsente Stage Entertainment, nicht besser und für den Steuerzahler kostengünstiger bewerkstelligen?
Intendant: „Ohne Zuschuss auf keinen Fall Diversität“
„Die können das auf keinen Fall besser machen“, so Linsmayer gegenüber dem BR, „weil ein Privater hier erstmal mit sehr vielen Investitionen starten und zum anderen ein ausschließlich kommerzielles Programm anbieten müsste, um das Ganze wirtschaftlich positiv ausgehen zu lassen. Ohne einen städtischen Zuschuss kann man auf keinen Fall Diversität bieten. Das heißt, dann würde zwei Jahre nur noch ‚König der Löwen‘ laufen und ich glaube, so schön dieses Stück ist, das lassen wir lieber in Hamburg und machen hier in München lieber unser diverses Programm.“
Bisher wechselt das Programm im Deutschen Theater alle paar Wochen, manche weniger populäre Produktionen stehen sogar nur ein paar Tage auf dem Spielplan, daneben gibt es ein Nischen-Programm im kleineren Silbersaal. Dort können Nachwuchstalente auftreten, Kabarettisten ihr Können zeigen oder auch mal künstlerische Experimente gewagt werden.
Intendant: „Gesellschaftsmittelpunkt Münchens“
„Wir zeigen ja sehr viele verschiedene Musicals im Lauf des Jahres, bis zu 15 Stück und vor allem auch immer neu herausgekommene Produktionen“, so Linsmayer: „Zum Beispiel gehörte dazu ‚Kinky Boots‘, auch ‚Die Weiße Rose‘, ein neues deutsches Musical mit gewichtigem Inhalt. Es gibt ständig neue Stoffe, nächsten Monat ‚Romeo und Julia‘, ein ganz neues Musical, das zum ersten Mal außerhalb von Berlin gezeigt wird, mit dem klassischen Stoff als Grundlage. Wir sehen in München die Vielfalt in unserem Haus und das sollte auch so bleiben.“
Das Deutsche Theater sei das größte Gastspielhaus ohne eigenes Ensemble in ganz Deutschland. Deshalb sei es möglich, große US-Produktionen zu präsentieren, auch aufwändiges Tanztheater, das auf kleineren Bühnen nicht gezeigt werden könne: „Wir haben auch die Chance, dass wir ein großes, tolles Jugend- und Kinderprogramm machen, dass wir auch mal mit anderen Theatern zusammen eigene neue Stücke herstellen. Und natürlich haben wir die Ballsaison, die große Festphase während der Faschingszeit, wo wir seit 130 Jahren Feste feiern. Riesige Bälle, das ist der Gesellschaftsmittelpunkt Münchens.“
Stadt verspricht Kontinuität
Mona Fuchs, Münchens 2. Bürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende des Deutschen Theaters, versprach in ihrem Grußwort zum 130. Geburtstag, die Stadt wolle das Haus erhalten und weiterführen. Dafür gebe es im Stadtrat auch eine deutliche Mehrheit. Das Publikum reagierte mit Applaus.
Zum Auftakt in die Jubiläumssaison stand das Disney-Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ auf dem Spielplan, eine deutschsprachige Übernahme vom Budapester Operettentheater. Die Mitwirkenden bemühten sich redlich, waren aber leider nicht immer textverständlich, ein Problem, das sich bei internationalen Musical-Tourneen häufiger stellt. Das 1999 in Berlin von Disney uraufgeführte Stück wurde seinerzeit zwiespältig aufgenommen und konnte sich trotz dreijähriger Laufzeit letztlich nicht durchsetzen. 2017 wurde der „Glöckner“ für einen Neustart grundlegend überarbeitet, was zeigt, wie riskant und unwägbar das Geschäft ist.
Der Schauwert des Musical ist allerdings beachtlich, und die Melodien sind durchweg mehrheitsfähig, wenn auch nicht sonderlich aufregend. Insofern wird der „Glöckner“ das Deutsche Theater München bis 8. November einigermaßen füllen. Gut, dass danach „Romeo und Julia – Liebe ist alles“ ansteht, mit Musik von „Rosenstolz“, übrigens ursprünglich produziert von der Stage Entertainment. Mehr musikalische und stilistische Abwechslung geht nicht.

