Gestritten und gerungen ums fromme Spiel, mitunter auch mit unchristlichen Methoden, wurde schon immer in Oberammergau. Aber die inneren und äußeren Widerstände, die die Passionsspieler in Robert Löhrs Roman auf dem Weg zur ersten Aufführung überwinden müssen – die haben es schon ganz besonders in sich. Die kategorische Ablehnung des Abts aus dem nahen Kloster Ettal zählt da noch zu den harmloseren Hindernissen.
Keine Nacherzählung der Geschichte
Robert Löhr lässt nichts aus. „Oberammergau“ ist ein Buch voller Mord und Totschlag. Menschen werden gemeuchelt, Leichen wieder ausgegraben, Männer entmannt, Frauen vergewaltigt. Was da alles in kürzester Zeit, auf engstem Raum an Ungeheuerlichkeiten passiert? Schwer zu glauben, dass sich das so zugetragen haben könnte. Aber klar, darum geht es Löhr auch nicht.
„Glücklicherweise, muss man ja fast sagen, ist über dieses erste Passionsspiel gar nicht so viel bekannt,“ erzählt Robert Löhr. „Das ist natürlich ein Schatz für mich als Geschichtenerzähler, dass ich frei fabulieren kann und das auch wirklich getan hab. Mein Roman gibt keineswegs vor, ein Abbild der Wahrheit zu sein.“
Glaube vs. Abwendung von Gott
Die zentralen Antagonisten von Löhrs Roman sind Pfarrer Johannes Gabler, der das Passionsspiel schreiben und zur Aufführung bringen soll, und Agnes Lang, Frau des Ortsvorstehers, die ihre beiden Kinder in der Pest verloren und darüber dem Glauben abgeschworen hat. Die beiden stehen an der Spitze zweier Lager, Passionsbefürworter und -gegner, zwischen denen erbitterte Feindschaft entbrennt.
Um die Passion zu Fall zu bringen, ist Agnes jedes Mittel recht, von der Giftmischerei bis zur Gewaltanwendung. Aber auch Johannes‘ Kampf für die gute Sache geht nicht ohne böse Taten ab. Unfreiwillig wird er zum Mörder und: Er belügt seine Mitstreiter. Denn eigentlich soll er den Text für das Stück schreiben, kommt aber über die hölzerne Nacherzählung der Bibel nicht hinaus. Weshalb er sich Hilfe holt, ausgerechnet beim schwedischen Protestanten Ingmar, der im Dorf gefangen gehalten wird, aber ein begnadeter Geschichtenerzähler ist und Johannes erklärt, „dass es bei einer guten Erzählung viel mehr auf die Figuren und die Handlung ankäme als auf die historische Genauigkeit.“
„Da spricht der Ingmar kurz mit meiner Zunge,“ so Robert Löhr. „Ich bin tatsächlich der Meinung, dass viele historische Romane so ein bisschen daran kranken, dass zu viel Recherche eine schöne Geschichte verwässert. Friedrich Schiller hat das auch mal gesagt: Historische Figuren müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden.“

