Ein mittelalterliches Schloss auf einem Felsvorsprung in Erba, am Comer See. Das war 1990 das WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft. Und dort treffen sie sich wieder: die alten Helden, alle inzwischen um die 60 Jahre alt.
Für die Dokumentation „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ besuchen sie alle wieder diesen einen Ort, wo damals alles begann. Stürmer Karl-Heinz Riedle aus dem Allgäu erinnert sich: „Ich glaube, wir haben das erste Mal gescheite Spaghetti gegessen. Das war hier.“
Eine etwas andere Fußballdoku
„Ein Sommer in Italien“ ist der zurückhaltende Titel dieser Dokumentation. Und er setzt den Ton: Hier wird nichts übertrieben. Es gibt keine überbordende Musikuntermalung, keine gesellschaftliche Einordnung durch Interviews mit Politikern, keine sonore Erzählerstimme, die durch den Film führt. Die Doku setzt ausschließlich auf die Erinnerungen der Mannschaft. Bildlich übernimmt zunächst der Comer See die Hauptrolle. Die damals von Torhüter Bodo Ilgner und Torwarttrainer Sepp Maier mit ihren Videokameras gedrehten Sequenzen wechseln sich ab mit den Erzählungen der Spieler.
Und so wie der Name der Doku schon nach Urlaub klingt, fühlt sich auch die erste Hälfte dieses Films an: fläzen am Hotelpool, rumalbern, Karten spielen. Die Handlung plätschert zunächst auch so dahin wie das Wasser am Ufer des Comer Sees, mit netten Anekdoten aus Vor-Social-Media-Zeiten, wie dem Ausflug einiger Spieler nach Como mit frisierten Mofas der Fans. Einen Sog entwickelt der Film erst, als er schon so weit fortgeschritten ist wie das Turnier damals – und eine Person ins Zentrum rückt, die über allen thronte, auch im Schloss-Quartier.
Ambitionierter Teamchef Beckenbauer
Dabei geht in der Doku der Blick von Andreas Möller hoch ins Turmzimmer. Von dort aus hatte einer alles im Blick: der Teamchef Franz Beckenbauer. Der Halbfinaleinzug 1990, nach einem mühsamen 1:0 gegen die Tschechoslowakei, war eigentlich ein Grund zum Jubeln. Nur Beckenbauer war da anderer Meinung. Die Spieler und Torwarttrainer Sepp Maier erinnern sich daran, wie in der Kabine Beckenbauer die Tür zuknallte und anfing, zu schreien, zu schimpfen und einen Eiskübel wegzuhauen. „Dann sind die ganzen Eiswürfel durch die Kabine geflogen“, erzählt Lothar Matthäus. So hätten ihn die meisten bis dahin noch nie erlebt.
Erinnerungen an die, die nicht mehr da sind
Die ausgeschimpfte Mannschaft kämpft sich aber ins Finale und dann sogar zum Sieg, kurz vor Schluss beim Elfmeter gegen Argentinien. Das Siegtor fällt von Andreas Brehme, der genau wie Beckenbauer vor gut zwei Jahren gestorben ist. „Den kann ich nicht mehr anrufen“, kommentiert Matthäus nachdenklich. Und Thomas Häßler betont das, was alle denken: „Er war halt derjenige, welcher uns zum Weltmeister machte.“
Die Tränen von Häßler und Matthäus zeigen: Diese Nationalmannschaft von 1990 war etwas Besonderes. Mindestens alle fünf Jahre treffen sich alle, um sich an diesen Sommer in Italien zu erinnern. Dieser Film lässt einen dabei sein.
„Ein Sommer in Italien – WM 1990“ startet am 19. März in den deutschen Kinos.

