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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Streitfall: Ist eine papierlose Nationalbibliothek realistisch?
Kultur

Streitfall: Ist eine papierlose Nationalbibliothek realistisch?

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 16. März 2026 14:46
Von Uta Schröder
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„Jedes Jahr gehen bei uns aktuell drei Kilometer Medien ein“, so Johannes Neuer, der Direktor der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig gegenüber dem BR. Täglich erreichen staunenswerte 13.100 Titel die Bibliothek. Trotz der Digitalisierung werden in Deutschland demnach immer noch stapelweise neue Bücher, Zeitschriften und Zeitungen gedruckt. Die DNB mit den beiden Standorten in Frankfurt am Main und Leipzig soll möglichst von allen hierzulande veröffentlichten Werken jeweils zwei Exemplare archivieren. Das gilt sogar für Druckerzeugnisse mit Kleinstauflagen, wie zum Beispiel Schülerzeitungen.

Inhaltsübersicht
Weimer setzt auf digitales SammelnAlternativen verursachen „zusätzliche Kosten“Börsenverein kritisiert „bedenkenlose“ Entscheidung

„Also es wird zumindest auf einem ähnlichen Niveau weitergedruckt, und wir sind ja nur der Spiegel der Gesellschaft, wir sammeln das, was die Gesellschaft produziert, und das geschieht weitgehend in physischer Form“, sagt Neuer, auch mit Blick auf den Buchmarkt: „Die wenigsten Bücher werden als E-Books verkauft, das macht unter zehn Prozent des Markts aus.“

Weimer setzt auf digitales Sammeln

Kein Wunder also, dass seit 2018 über einen abermaligen, „hochfunktionalen und klimastabilen“ Erweiterungsbau am Standort Leipzig nachgedacht wird, der mit 130 Millionen Euro kalkuliert war. Sieben Millionen Euro flossen bereits in die Planung. Nach einem europaweiten Wettbewerb [externer Link] erhielt das Dresdner Architekturbüro „Code Unique“ den Zuschlag.

Doch jetzt entschied Bundeskulturstaatsminister Wolfram Weimer, das Bau-Projekt vorerst zu stoppen. Er wolle die Pflichtablieferungen von Druckerzeugnissen „weitgehend digital abbilden“, hieß es von einem Sprecher. Außerdem berief sich Weimer auf die „unsichere Haushaltslage“. Eine weitere Stellungnahme wurde gegenüber dem BR in Kürze in Aussicht gestellt.

Alternativen verursachen „zusätzliche Kosten“

„Das die Entscheidung so plötzlich und ohne Vorwarnung getroffen wurde, trifft mich als Leiter der Bibliothek in Leipzig ganz besonders“, so Neuer über Weimers Argumentation, zumal die Zusammenarbeit bisher sehr gut gewesen sei und viele Mitarbeiter mit „Herzblut“ am Projekt beteiligt gewesen seien.

Neuer kennt weltweit keine Nationalbibliothek, die ausschließlich digital sammelt. Unter den richtigen klimatischen Bedingungen, also einer Temperatur von 18 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit, könnten Papier-Medien „sehr, sehr lange“ aufbewahrt werden. Im Übrigen sei im Erweiterungsbau auch ein Rechenzentrum geplant gewesen. Jede bauliche Alternative werde „zusätzliche Kosten“ verursachen, heißt es von der DNB.

Börsenverein kritisiert „bedenkenlose“ Entscheidung

Unterdessen stellte die Historische Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die Entscheidung von Wolfram Weimer in Frage: „Wir sind der Überzeugung, dass das kulturelle Gedächtnis der Nation nicht ausschließlich in digitaler Form archiviert werden kann. Wir kritisieren eine unzureichend begründete Entscheidung, die sich bedenkenlos und unabgestimmt über die Vorgaben des ‚Gesetzes über die Deutsche Nationalbibliothek‘ hinwegsetzt“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), nannte Weimers Weichenstellung „unverständlich“ und forderte ihn auf, die Entscheidung „noch mal zu überdenken“. Das Erbe der Buchstadt Leipzig solle „mehr gewürdigt“ werden.

In den Kulturteilen der großen deutschen Zeitungen wird Weimer ebenfalls herbe kritisiert, zumal er in den letzten Monaten bereits mehrfach mit umstrittenen Entscheidungen Schlagzeilen produzierte. Zuletzt hatte er drei Läden von der Nominierungsliste für den Deutschen Buchhandelspreis streichen lassen, weil sie wohl der Verfassungsschutz beobachtet hatte. Das war als „Gesinnungsprüfung“ kritisiert worden.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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