Der langjährige Leiter der Berlinale, Dieter Kosslick, stellt sich im Streit über propalästinensische Äußerungen von Berlinale-Teilnehmenden klar hinter Festival-Chefin Tricia Tuttle. „Wir haben ein internationales Festival und da muss sich jeder äußern können“, sagte er im Interview mit Bayern 2. Eine mögliche Absetzung der Berlinale-Leiterin durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nennt Kosslick „gespenstisch“. Er sei entsetzt von den Vorgängen, „die Berlinale ist seit 1971 ein Festival der Meinungsfreiheit“.“
Eine von Weimer einberufene Sondersitzung zur Zukunft Tuttles und der Berlinale war am Donnerstag ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen, die Gespräche würden demnächst fortgeführt, hieß es von einem Sprecher. Weimer ist Aufsichtsratsvorsitzender der „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH“ (KBB) und damit für die Berlinale zuständig. Nach Spekulationen über eine mögliche Abberufung hatte Tuttle bereits breite Unterstützung aus der Filmbranche erfahren.
Sorge um internationalen Ruf der Berlinale
Dieter Kosslick befürchtet – unabhängig vom Ausgang der Debatte um die Festival-Chefin – einen bleibenden Image-Schaden. „Egal, was da am Ende bleibt, die Berlinale ist beschädigt. Das ist doch gar keine Frage, weil die Filmemacher weltweit sagen: Gehe ich da nochmal hin? Als erstes werde ich da gefragt, wie steht es denn mit dir?“ Kosslick bezieht sich dabei darauf, dass während der diesjährigen Berlinale von vielen Filmschaffenden beharrlich eine Positionierung im Gaza-Konflikt eingefordert wurde. Die künstlerischen Aspekte des Festivals waren vielfach in den Hintergrund geraten. Kosslick ist derzeit Jurypräsident beim Filmfestival Türkei Deutschland in Nürnberg [externer Link], das dieses Jahr seine 30. Ausgabe feiert.
Produzent von Berlinale-Gewinnerfilm: „Neue Dramatik politischer Einmischung“
Der Gewinnerfilm der Berlinale, „Gelbe Briefe“, wird in Nürnberg ebenfalls im Wettbewerb laufen. Dessen Produzent, der Münchner Ingo Fliess, zeigte sich ebenfalls schockiert ob einer im Raum stehenden Absetzung von Tricia Tuttle. Im Gespräch mit BR24 sagte er, Tuttle habe „eine tolle Berlinale“ gemacht, habe dafür gesorgt, dass Stimmen aus aller Welt gehört würden. Bei der Preisverleihung sei durch das palästinensische Filmteam nichts Illegales geäußert worden. „Wenn ihr ein Strick draus gedreht wird, dass sie nicht eingeschritten ist, dass sie den Leuten das Mikrofon hätte abstellen sollen, dann ist das eine völlig neue Dramatik, wie sich die Politik in die Kultur einmischt.“
Debatte nach Völkermord-Vorwürfen bei Preisverleihung
Entzündet hatte sich die Debatte um Antisemitismus bei der Berlinale vor allem an der Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib. Er gewann bei den Filmfestspielen einen Preis für das beste Spielfilmdebüt und verband seine Dankesrede mit scharfer Kritik an der Haltung der Bundesregierung im Gaza-Krieg, warf Deutschland eine Beteiligung an einem Genozid vor. Umweltminister Carsten Schneider (SPD), der im Publikum saß, hatte daraufhin demonstrativ den Saal verlassen.

