Ob es nun am Dark-Romance-Literatur-Hype liegt oder an Filmen wie „Fifty Shades of Grey“ oder „Babygirl“ – Geschichten, in denen Menschen gerne mal latent anrüchigen oder jedenfalls nicht gesellschaftsfähigen Sexgelüsten nachgehen, sind, so paradox es klingen mag, in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Unterwerfungsfantasien und Fesselspiele sind in den Köpfen weit präsenter als früher, und sei es nur, weil man am Rande mitbekommen hat, was seit einigen Jahren auf den Bestsellerlisten steht und immer öfter und immer schneller als Bewegtbildvariante im Kino oder im Programm der Streaming-Anbieter landet.
Auch das BDSM-Drama „Pillion“ basiert auf einer Buchvorlage mit eindeutig unzweideutigem Kontext. Im Gegensatz zu vielen anderen Erotik-Geschichten der jüngeren Zeit setzt „Pillion“ jedoch nicht auf kinky Kitsch in der Welt der Reichen und Schönen, sondern auf Mittelschichtmänner in britischer Vorort-Tristesse.
Willkommen in der BDSM-Welt
Ein dominanter Schönling trifft ein unerfahrenes Küken und macht es bekannt mit einer Welt, in der der eine befiehlt, der andere irritiert, aber willig, gehorcht. So weit, so „Fifty Shades“. Doch die Grauzonen, die hier beschritten werden, sind nicht nur sexueller Natur.
Es sind unglamouröse Kneipen, in denen Darts gespielt und Chips und Bier konsumiert werden. Es sind regennasse Gassen, in nächtlich ausgestorbenen Fußgängerzonen, in denen beim ersten Date Speichel, Samen und Namen ausgetauscht werden. Und es sind anonyme Reihenhaussiedlungen, in denen Zucht und Ordnung herrschen Willkommen im Alltag von Collin und Ray. Dass die beiden eine gleichgeschlechtliche Beziehung führen, ist in ihrem Umfeld nur insofern Thema, als der hünenhafte Biker und der schüchterne Ordnungsamtmitarbeiter gar so grundverschieden sind.
Viel Sex, wenig Intimität
Charmant bis amüsant ist „Pillion“ wenn Neben- und Hauptfiguren aller Aufgeschlossenheit zum Trotz unbeholfen rumdrucksen. Dramatischer wird es, wenn es um die im Verborgenen ausgelebten Aspekte der Beziehung geht, die nur deshalb ungewöhnlich sind, weil hier Neigungen nachgegangen wird, die vermutlich zum Albtraum aller Schwiegermütter gehören. Schließlich wird Intimität in Sado-Maso-Beziehungen etwas anders definiert. Küsse sind tabu, Zärtlichkeit ist verpönt.
Explizite Szenen helfen dem Plot
In „Pillion“ geht es zur Sache. Alexander Skarsgård und Harry Melling, bekannt geworden als der fiese Cousin von Harry Potter, geben und zeigen alles in dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte. Sex, viel nackte Männerhaut, Fetisch-Kleidung aus Latex und Leder. Die selbstverständliche Darstellung des expliziten Miteinanders dürfte nicht jedermanns Geschmack sein. Der fehlende Weichspülgang gibt der Handlung jedoch Authentizität und Emotionalität. Denn im Kern geht es um Selbstfindung und den Unterschied zwischen Lust und Liebe.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich „Pillion“ kaum von anderen ernstzunehmenden Liebesdramen. Es geht nicht um Erotik, sondern um Beziehungsdynamiken. Obendrein, und das macht „Pillion“ so besonders, um die Normalität im Außergewöhnlichen.

