Der Rapper Haftbefehl hatte sich in diesem Jahr aus gesundheitlichen Gründen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jetzt steht der 40-Jährige wieder auf der Bühne: Die Show ist ausverkauft, die Fans wollen ihren Haftbefehl zurück. Mit dem Live-Comeback kommt auch ein Druck zurück und ein Image, das durch die virale Netflix-Doku noch größer geworden ist.
Der alte, neue Haftbefehl auf der Bühne
Tausende Menschen haben auf diesen Moment gewartet. Haftbefehl steht auf der Bühne. Seine Tour hatte er abgesagt, Festivalauftritte ebenfalls. Die Stimmung in der ausverkauften Halle ist entsprechend aufgeladen. Vorfreude liegt in der Luft, aber auch eine gewisse Anspannung.
Denn Haftbefehl ist längst nicht mehr nur der Rapper, der mit Songs wie „069“ oder „Chabos wissen, wer der Babo ist“ den deutschen Hip-Hop geprägt hat. Spätestens seit der Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ kennen viele auch die andere Seite des Künstlers: seine Drogensucht, seine persönlichen Krisen und die gesundheitlichen Probleme, mit denen er seit Jahren kämpft.
Ein Comeback, auf das viele gewartet haben
Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, gilt als einer der eigenwilligsten und sprachmächtigsten Rapper Deutschlands. Seine Sprache, sein unverwechselbarer Flow und seine authentischen Texte über Lebensrealitäten, die unterrepräsentiert sind, haben ihn zu einer prägenden Figur des deutschen Rap gemacht. Für viele Fans ist er deshalb mehr als nur ein Musiker: Seine Konzerte sind für sie ein Stück Identität.
Das ist auch in Frankfurt zu spüren. Eine langjährige Supporterin erzählt, sie habe gemeinsam mit ihren Freundinnen auf den Abend hingefiebert. Große Erwartungen habe sie nicht gehabt. Vielleicht ist genau das die Besonderheit dieses Abends: Viele wollen nicht unbedingt den perfekten Auftritt sehen. Sie wollen wissen, ob Haftbefehl überhaupt wieder auf einer Bühne stehen kann. Die Attraktion des Abends ist die Anwesenheit von Aykut selbst.
Haftbefehls Auftritt – getragen von Aykuts Weggefährten
Beim Blick ins Publikum drängt sich eine unangenehme Frage auf: Wer ist hier aus Fanliebe oder aus reiner Schaulust? Die Netflix-Doku hat Haftbefehls Verletzlichkeit einem Millionenpublikum gezeigt. Sie erzählt von seiner Kokainabhängigkeit, von Abstürzen und persönlichen Krisen.
Viel Haftbefehl ist an diesem Abend in Frankfurt jedenfalls nicht zu sehen. Der Rapper trägt eine schwarze Maske über Mund und Nase. Das macht er, um seine Nase zu verdecken, die durch seinen Kokainkonsum sichtlich geschädigt wurde. Wenn er spricht, ist er teilweise schwer zu verstehen. Er kommt auf die Bühne, verschwindet wieder. Andere übernehmen. Den Abend tragen vor allem seine Weggefährten: Olexesh, Veysel und Milonair.
Es gibt Momente, die emotional wirken. Haftbefehls Sohn Noah wird auf die Bühne geholt. Später darf ein Fan zur Zugabe – dem dritten Mal an diesem Abend, dass „069“ gespielt wird – mit auf die Bühne. Und gleichzeitig entsteht der Eindruck: Haftbefehl selbst kann den Abend nicht tragen. Die angekündigten zwei Stunden wurden zu einer.
Verhaltener Applaus und große Distanz
Eine Frankfurterin sagt nach dem Konzert: „Ich hatte erwartet, dass er aus Respekt für Frankfurt einfach mal die zwei angekündigten Stunden singt. Er muss ja nicht selbst singen, aber die Playlist laufen lassen?“
Der Applaus fällt an manchen Stellen verhalten aus. Große Rufe nach einer Zugabe bleiben aus. Die Nähe, für die Haftbefehl früher bekannt war, entsteht kaum. Dabei waren gerade diese Konzerte einmal seine Stärke. Kleine Venues, unmittelbare Nähe zum Publikum, viel Interaktion. Haftbefehl war ein Künstler, der seine Shows nicht einfach abgespult hat. An dem Abend stand das Playback im Vordergrund.
War das ein Comeback oder ein Abschied?
Zu seiner gesundheitlichen Situation äußert sich Haftbefehl an diesem Abend nicht. Er verteilt Herzen ins Publikum, ansonsten bleibt vieles seinem Team, den Moderatoren, überlassen. Die weisen auf die Berichterstattung über den Rapper hin und fordern das Publikum auf, sich selbst ein Bild zu machen.
Manche Fans scheinen sich jetzt schon sicher: Das könnte die letzte Tour gewesen sein. Ob diese drei Konzerte – Frankfurt, Düsseldorf und Berlin – tatsächlich der Beginn eines Comebacks sind oder im Rückblick eher als Abschiedskonzerte gelten werden? Unklar. Vielleicht ist die wichtigste Botschaft des Abends deshalb: Gut, dass Aykut Anhan überhaupt wieder auf einer Bühne stehen konnte.

