Schutzimpfungen sind eine wichtige Errungenschaft der Medizin. Jahrzehntelang gingen die Impfquoten bei Kindern in den EU-Ländern nach oben. Doch seit einigen Jahren ist laut einer jetzt im Fachmagazin The Lancet Regional Health – Europe (externer Link) erschienenen Studie in 16 Ländern dieser Trend bei vielen Impfungen rückläufig.
Für ihre Untersuchung haben die Forscher um Luigi Russo von der Università Cattolica del Sacro Cuore in Rom Daten aus den Jahren 1980 bis 2024 zu sieben Kinderimpfungen ausgewertet. Das Ergebnis sei „alarmierend“, schreiben die Forscher. Sie vermuteten als Ursache unter anderem zunehmende Impfskepsis aufgrund von Falschinformationen, vor allem seit der Corona-Pandemie.
Impfquote bei Kindern – was die Studie aussagt
Untersucht hatten die Forscher: die dritte Dosis der Kombinationsimpfung gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten, die Impfungen gegen Hepatitis B, Meningitis B, Pneumokokken und Polio sowie die erste Dosis gegen Masern und Röteln. Die Zahlen für ihre Analyse entnahmen die Wissenschaftler öffentlich zugänglichen Impfdaten der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Vereinten Nationen.
Bei vielen Impfungen begannen die Quoten zwischen 2019 und 2022 zu sinken, beobachteten die Studienautoren. In Deutschland waren die Zahlen demnach für fünf der sieben Impfungen rückläufig. Nur bei der Masernimpfung und der Hepatitis B-Impfung konnten die Forscher einen positiven Trend hierzulande feststellen. Damit gehen im EU-Vergleich in Deutschland die Impfquoten vergleichsweise stark zurück.
Besonders gut bei den Kinderimpfungen schneiden Portugal und Luxemburg ab. Sie erreichten bei allen sieben untersuchten Impfungen eine Quote von mindestens 95 Prozent. Besonders niedrig waren mit rund 80 Prozent hingegen die Impfquoten in Rumänien und Estland.
„Die zentrale Botschaft unserer Studie lautet, dass wir trotz 40 Jahren Fortschritts hohe Durchimpfungsraten nicht als selbstverständlich betrachten können“, sagt Studienautor Luigi Russo gegenüber dem BR. Kontinuierliche Beobachtung der Impfdaten, öffentliches Vertrauen und wirksame Impfprogramme seien entscheidend, um die erzielten Fortschritte zu bewahren und das Wiederauftreten von durch Impfungen vermeidbaren Krankheiten zu verhindern, „immer im Bewusstsein, dass Impfstoffe Leben retten“.
Quoten bei Kinderimpfungen in Deutschland und Bayern
In Deutschland hätten wir bei Kindern und Jugendlichen „sicher keine ganz schlechte Impfquote“, sagt Reinhard Berner, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission STIKO. Das Problem sei allerdings: In den vergangenen Jahrzehnten sei die Situation nicht besser geworden, bei manchen Impfungen sogar schlechter. Vor allem die sinkende Quote bei den Impfungen gegen Kinderlähmung (Polio) bereitet dem Pädiater Sorgen. Auch deshalb, weil eine Infektion in Deutschland wieder möglich erscheint.
Oft werde zu spät geimpft, speziell bei Polio, kritisiert Berner. Dass das auch in Bayern der Fall ist, bestätigt das bayerische Gesundheitsministerium. „Eine vollständige Impfung liege bei vielen Kindern in Bayern erst zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchung (SEU) oder auch später vor“, heißt es auf Nachfrage des BR.
Beispiel USA: Warum eine hohe Impfquote wichtig ist
Welche Auswirkungen fehlende Schutzimpfungen haben, zeigt sich in den USA am Beispiel der Masernimpfung. Von Politikern lancierte Falschinformationen und fehlende Aufklärung haben viele Menschen so verunsichert, dass sie sich nicht mehr impfen lassen. Die Folge: Es gibt wieder viele Masernfälle in den USA und Menschen, die an Masern gestorben sind.
Was notwendig ist, um den Trend umzukehren
Um diesem Trend entgegenzuwirken, sei Aufklärung wichtig, sagt Jakob Maske, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Seit der Corona-Pandemie seien Eltern gegenüber Impfungen kritischer geworden, beobachtet er in seiner Praxis in Berlin. „Aber wenn man deutlich machen kann, dass es eine wichtige Impfung ist, wird die Impfung auch wahrgenommen.“
Die Zweifler, die seit Corona mehr geworden sind, müssten „zielgruppenspezifisch“ aufgeklärt werden. Nicht die Impfgegner, das seien wenige und die habe es immer schon gegeben, betont der Kinderarzt Reinhard Berner. Besuche in Stadtteil-Cafés oder Streetworker könnten dabei helfen, Verunsicherte oder auch Unwissende von der Notwendigkeit einer Impfung zu überzeugen.

