Frauenrollen waren zu William Shakespeares Zeiten bekanntlich Männerrollen, in der englischen Renaissance gab es noch keine Schauspielerinnen. Sitte und Moral waren diesbezüglich streng, wenn auch keineswegs so streng, wie es die Mächtigen damals gerne gehabt hätten. Junge Liebhaberinnen wurden meist von femininen Knaben vor dem Stimmbruch gespielt. Aus heutiger Sicht ebenso absonderlich wie die Kastraten in der Barockoper, aber immerhin ein Hinweis darauf, dass jede Zeit ihre ganz eigene Auffassung von Anstand hat und soziale Rollen nicht etwa naturgegeben sind, sondern von der Gesellschaft zugewiesen werden, im Leben wie im Theater.
„Auseinandersetzung mit Machtstrukturen“
Es ist also plausibel, wenn die neue Intendantin am Landestheater Niederbayern, Astrid Großgasteiger, zum Auftakt ihrer ersten Spielzeit die Frauen in Shakespeares „Sommernachtstraum“ nicht als willfährige Objekte der Männer(fantasien) zeigt, sondern als höchst eigenständige, ja eigenwillige Persönlichkeiten: „Ich finde, der Sommernachtstraum eignet sich wahnsinnig gut, um auf hoffentlich doch recht subtile Art und Weise zu zeigen, dass diese Komödie sehr viel Auseinandersetzung ermöglicht, was Machtstrukturen, patriarchale Strukturen, feministische Strukturen und ganz allgemein Beziehungsstrukturen betrifft“, so die Regisseurin.
Sie startete nach eigenen Worten auch deshalb mit diesem Shakespeare-Klassiker, weil bei der großen Besetzung das ganze Schauspiel-Ensemble zusammenkommen und zusammenarbeiten könne. Dem Team ging es also nicht zuletzt darum, seine Visitenkarte beim Publikum abzugeben. Das reagierte zunächst etwas schüchtern und scheu auf die ambitionierte Produktion, war am Ende aber offenkundig höchst zufrieden, auch wenn leider etliche Plätze im Saal leer blieben.
„Unterschiedliche Ästhetiken nach Niederbayern holen“
Da muss Astrid Großgasteiger wohl noch etwas theatralische Überzeugungsarbeit leisten, zumal sie ja ein vergleichsweise unwirtliches Zelt auf dem Landshuter Messegelände zu bespielen hat, mit einer viel beklagten Akustik und nicht gerade heimeliger Atmosphäre. Das erfordert von Schauspielern eine enorme Kraftanstrengung, mindestens verdoppelte Energie, um den Funken überspringen zu lassen in die Zuschauerreihen.
In fünf bis sechs Jahren hofft die Intendantin nach eigenen Worten, ein festes Stammquartier in der Landshuter Altstadt beziehen zu können: „Ich bin sehr guter Dinge. Die momentanen Prognosen sind so, dass da was absehbar ist. Wir liegen sehr gut in der Planung, die auch realistisch ist.“
Beim Programmangebot soll sich einiges ändern. So sollen Opern von Richard Wagner, die in den vergangenen Jahren den Ehrgeiz des Landestheaters anstachelten, erst mal kein Thema mehr sein. Astrid Großgasteiger setzt nicht auf Monumentalität, sondern auf Vielfalt: „Wir möchten es tatsächlich gerne schaffen, mit vielen wirklich unterschiedlichen Regieteams unterschiedliche Ästhetiken nach Niederbayern zu holen. Wir wollen zeigen, was die ganze Bandbreite von Schauspiel, Musiktheater und Jugendtheater kann, so dass die Zuschauer sagen können, wenn das eine nichts für sie war, schauen sie sich trotzdem was anderes an, weil es ganz anders werden wird. Wir wollen ganz unterschiedliche Ästhetiken, unterschiedliche Handschriften und Stücke präsentieren.“
„Ich bin, was ich bin“ hilft bei Identitätssuche
Hier und da wirkte der „Sommernachtstraum“ zum Auftakt der neuen Ära noch etwas angestrengt im Bemühen, möglichst zeitgemäß zu sein und mit den aktuellen Gender-Diskursen irgendwie mitzuhalten. Klar, Shakespeares Wald kann heutzutage keine lauschige Kulisse für einen harmlos-romantischen Verwechslungs-Schabernack mehr sein, er ist vielmehr ein Dickicht, in dem alle Mitwirkenden schnell den Überblick verlieren über ihre Emotionen, ihre Wünsche, ihre Zukunftsvorstellungen.
Die berühmte Hymne „Ich bin, was ich bin“ aus dem Musical „Ein Käfig voller Narren“ durfte da nicht fehlen: Identitätssuche ist Schwerstarbeit, die jeder für sich selbst leisten muss, womöglich ein Leben lang. Ausladende Fummel und hochtoupierte Perücken können dabei durchaus hilfreich sein.
Gelacht wird auch, obwohl etwas mehr anarchischer Slapstick denkbar gewesen wäre, aber Humor ist immer Geschmackssache. Im Landestheater Niederbayern hat jedenfalls sichtbar eine neue Ära begonnen. Wenn das Haus für das Publikum mehr Überraschungen bereithält als bisher, also die versprochene stilistische Vielfalt einlöst und gestaltet, mag das manchen Abonnenten in seiner Erwartungshaltung vielleicht irritieren – spannend wäre es zweifellos.
„Sommernachtstraum“ am Landestheater Niederbayern, nächste Vorstellungen am 10. Oktober in Landshut, am 16., 17. und 18. Oktober in Passau, viele weitere Termine.

