Mit der Veröffentlichung dieser Doku hat Netflix – leider, muss man wohl sagen – den „perfekten“ Zeitpunkt erwischt, zumindest für das deutsche Publikum. Denn die Thematik ist hochaktuell. Während wir dieser Tage noch intensiv mit dem Fall Collien Fernandes und den Ausprägungen digitaler Gewalt beschäftigt sind, liefert der Film von Louis Theroux einen Einblick in jene Online-Welt, in der misogyne Ideologien gedeihen.
Einblick in die Manosphere
Zurück zur (vermeintlichen) Normalität, lautet das Motto der sogenannten Manosphere, einer männlichen Onlinebubble, die traditionell-maskuline Rollenbilder propagiert. Die Welt sei verrückt geworden, meint die Community. Es sei daher Zeit für eine Umkehr, Zeit, „aufzuwachen“ aus einer vom Feminismus beherrschten Welt, die Männer zu Sklaven mache.
Es ist natürlich hochgradig ironisch, dass man sich dabei ausgerechnet der Metapher der „roten Pille“ bedient. Ein Verweis auf den Science-Fiction-Klassiker „Matrix“, der wiederum von zwei Transgender-Frauen gedreht wurde. Allerdings geht es in der Manosphere sowieso selten logisch zu, wie Louis Theroux mit „Inside the Manosphere“ zeigt.
Der britisch-US-amerikanische Dokumentarfilmer ist bekannt dafür, sich in seinen Filmen mit extremen Milieus zu beschäftigen. Diesmal taucht er ein in die Welt der Gym- und Alpha-Bros und damit in ein Potpourri aus Hyperkapitalismus, Systemkritik und Misogynie.
Frauen kommen kaum zu Wort
Monogamie? Na klar! Gilt aber nur für die Frau. Tradition? Auf jeden Fall! Zumindest dann, wenn sie dem Mann gelegen kommt. Hübsch soll die Frau an seiner Seite sein, Haut darf sie auch zeigen, nicht aber ihre eigene Meinung. Stellenweise wird ihnen das Gespräch mit Louis Theroux von ihren Partnern untersagt – sie kommen kaum zu Wort.
Umso lauter sind dafür die Männer zu hören. Und das mit durchaus irritierenden Botschaften. Theroux ist das anzusehen. Manchmal sagt sein skeptisch-belustigter Blick mehr als tausend Worte. Genauso oft kommentiert er aus dem Off, häufig zynisch. Gonzo-Journalismus ist das. Radikale Subjektivität, polemische Zuspitzung – das ist seit Jahren Theroux‘ bewährter Stil.
Dabei ist die Manosphere kein neues Phänomen – ihre Wurzeln reichen bis in die 1970er-Jahre zurück. Sie entstand als Antwort auf die damals aufkommende zweite Frauenbewegung. Doch in den letzten zehn Jahren hat sie einen signifikanten Boom erfahren. Grund dafür: das Internet und insbesondere Social Media. Das Gedankengut der Alpha-Bros verbreitet sich, verpackt in kurze TikToks oder YouTube-Shorts, rasanter denn je.
Plattform für misogyne Thesen?
Man könne daran sehen, „dass Antifeminismus in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet ist“, sagt Josefine Ballon über die Dokumentation. Ballon ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation HateAid, die sich für Betroffene digitaler Gewalt im Netz einsetzt. Sie begegnet der Manosphere in ihrer täglichen Arbeit.
Schockiert habe sie der Film nicht, sagt sie. „Immerhin beschäftigen wir uns schon seit Jahren mit der Manosphäre und all ihren Ausprägungen, von den Incels bis hin zu den ‚Slut-Exposern‘, die es sich zum Hobby gemacht haben, Nacktfotos mit persönlichen Informationen von Frauen zu veröffentlichen und im Internet zu tauschen.“
„Inside the Manosphere“ zeigt leider kaum, wie tief diese Mentalität in unseren Alltag reicht – und gibt ihren Protagonisten streckenweise eine Plattform zur Selbstdarstellung. Manchmal entlarven sie sich immerhin selbst: fragile Männer-Egos, mit einer hohlen, widersprüchlichen Ideologie – auf Kosten von anderen, vor allem Frauen.

