Julian Barnesʼ Hausheiliger ist bekanntlich Gustave Flaubert. Er zitiert den Franzosen gern mit dem Satz, man müsse im Leben alles erlernen, vom Sprechen bis zum Sterben. Nur könnten wir Letzteres – das Sterben – eben nicht so recht üben. 2020, kurz vor dem ersten Lockdown, wurde bei Julian Barnes eine seltene Form von Blutkrebs diagnostiziert: nicht direkt letal, aber auf längere Sicht eine Krankheit, die zum Tode führt. Davon erzählt der Brite in seinem neuen und definitiv letzten Buch, mit dem er Abschied nimmt von der literarischen Bühne. Er nennt es seinen „offiziellen Abgesang“.
Übersetzerin Krueger hält Barnes Schritt für mutig
„Sehr wehmütig“ sei sie beim Übersetzen gewesen, erzählt Gertraude Krueger. Seit 30 Jahren übersetzt sie Barnes nun ins Deutsche. Mit „Abschied(e)“ geht also auch für sie ein Lebenskapitel zu Ende. Sie bewundere Barnes für den Mut, sein letztes Buch als solches anzukündigen, sagt Krueger. „Mir fällt kein anderes Beispiel ein von einem Schriftsteller, der diesen Schritt getan hat.“
Julian Barnes sinniert voll melancholischem Witz und mit allergrößter Souveränität, wozu in seinem Fall stets die Selbstironie zählt, über die eigene Vergänglichkeit. Als er die Diagnose erhält, fällt ihm ein Satz von beinahe klirrender Kälte ein, den er sich 2008 beim plötzlichen Krebstod seiner Frau immer sagte: „Da macht einfach das Universum seine Arbeit.“ Man könne darin auch eine tröstliche Pointe sehen, meint Krueger.
Die gelungene Coda eines Schriftstellerlebens
Ganz gewiss spendet das gesamte Buch „Abschied(e)“ in seiner Gelassenheit Trost. Die Ironie besteht natürlich darin, dass hier ausgerechnet derjenige Trost spendet, der doch seinerseits auf Trost so sehr angewiesen wäre. Aber so tickt Barnes nicht. Man könnte dabei auch an Zeilen aus seinem Essay „Nichts, was man fürchten müsste“ (2010) denken. „Man sollte den Tod einfach durch die Brille derer sehen, die noch nie von einem gehört haben, und das ist schließlich fast jeder“, liest man dort. Und weiter: „Wer sind wir denn, dass wir unserer Selbstverliebtheit frönen und so ein Theater machen?“
Also sieht Barnes von sich ab und erzählt lieber die Geschichte zweier Studienfreunde aus alten Oxforder Tagen, deren Ehe er gestiftet zu haben behauptet. Eine wahre Geschichte? Oder eine erfundene? Gertraude Krueger, seine langjährige Übersetzerin, ist sich unsicher, inwieweit wir als Leser Barnes trauen dürfen. Immerhin ziehe hier ein Schriftsteller Bilanz, ein professioneller Geschichtenerfinder also. „Das ist auch eine Reflexion darüber: ‚Was habe ich eigentlich mein ganzes Schriftstellerleben lang getan?‘ Und es kommt da auch der Satz vor: ‚Du spielst mit dem Leben anderer Leute.'“
Eine schönere Coda als diese hier in „Abschied(e)“, einen gelungeneren Schlussstein eines großen Lebenswerks kann man sich schlicht nicht vorstellen.

