Wo gibt es sie noch, die „starken“, muskelbepackten, die vermeintlich „richtigen“ Männer? Gar nicht so leicht zu beantworten, diese durchaus heikle Frage, immerhin geht es um eine sehr traditionelle Auffassung von Maskulinität. Es gehört also schon etwas Mut dazu, die Frage zu beantworten, landet man dabei doch unweigerlich mitten im Kulturkampf um Geschlechterrollen, um „toxische“ Männlichkeit und alles, was damit verbunden ist.
Meist geht sofort der Streit los, wenn es darum geht, den „neuen“ und den „alten“ Mann auseinanderzuhalten, unversöhnliche (und lautstarke) Polarisierung inbegriffen. Doch Regisseurin Alexandra Liedtke gelang am Salzburger Landestheater bei ihrer Inszenierung von Gioachino Rossinis Komödie „Die Italienerin in Algier“ (1813) der Kunstgriff, Kraftprotze auftreten zu lassen, ohne sie damit gleichzeitig dem Spott preiszugeben.
Europa war vom „Orientalismus“ begeistert
Denn wo haben die „ganzen“ Kerle ihr womöglich letztes Reservat gefunden? In der Zirkus-Manege! Dort gilt die Muskelkraft noch was, dort darf der Raubtierbändiger seinen Testosteron-Überschuss ausleben, der Artist sein Sixpack zelebrieren und der Illusionist den Macho raushängen lassen, ohne dass das gleich sexistisch wirkt. Es ist wie auf dem Jahrmarkt: Auch da dürfen Männer Gewichte heben, den Hammer schwingen und in munterer Runde Maßkrüge stemmen, ohne dass das sofort peinlich wäre.
Klar, eine leichte Ironie schwingt da immer mit, aber das gilt auch für Rossinis unverwüstliche und überraschend emanzipierte Oper, die ja eigentlich um 1810 in Algier spielt, zu einer Zeit, als Europa vom „Orientalismus“ begeistert war. Rückblickend ist diese Leidenschaft kaum noch nachzuvollziehen, gelten Nordafrika und der Nahe Osten heute doch eher als kulturelle und migrantische „Risikogebiete“.
Bei Rossini bringt die titelgebende Italienerin dem launischen, aber gutherzigen Herrscher und „Bey“ Mustafa europäische Wertvorstellungen bei, vor allem, was die Rolle der Frau betrifft. Was als Komödie angelegt ist, könnte in diesen Zeiten sehr bitter anmuten, wenn die Handlung tatsächlich in Algerien oder sonst einem islamischen Land spielen würde.
Mustafa begnügt sich mit Spaghetti
Im Zirkus wirkt die Thematik deutlich unverfänglicher. Alexandra Liedtke, ihr Bühnenbildner Philip Rubner und ihre Kostümbildnerin Su Bühler verstehen es, diese „Männer-Dressur“ über drei Stunden hinweg ausgesprochen unterhaltsam und beschwingt ablaufen zu lassen. Italienerin Isabella (die aus Apulien stammende Marzia Marzo) hat von Anfang an und im doppelten Sinne des Wortes die Hosen an. Dass sie es ist, die am Ende die Raubkatzen zähmt und die Peitsche schwingt, während der anfangs noch dominante Mustafa (der italienisch-polnische Bass Daniele Macciantelli) sich mit Spaghetti begnügt, ist zwar absehbar, aber dennoch amüsant.
Es stimmt schon, so leicht und konfliktfrei wie unter diesem Zeltdach ist es natürlich in Wirklichkeit nicht, überkommene Männlichkeitsvorstellungen und -rituale zu überwinden. Doch der Rossini-Abend funktioniert in dieser ausgelassenen Zirkus-Optik hervorragend, und nebenbei wird sogar noch der ein oder andere Zaubertrick verraten. Oder wussten Sie, wie das genau abläuft mit der „durchsägten Jungfrau“, dem Schwertschlucken und dem „Durchbohren“ des Halses?
Gaspedal durchdrücken mit Rossini
Artistin Lea Toran Jenner ist in diesem Fall der unverzichtbare Kraftprotz, der in jede Manege gehört: Staunenswert, wie sie an der Stange scheinbar mühelos die Schwerkraft „aufhebt“. Augenfällige Bizeps scheinen dafür gar nicht benötigt zu werden, eher clevere Technik.
Der aus Bologna stammende Dirigent Carlo Benedetto Cimento, in Salzburg Erster Kapellmeister, genießt es hörbar, bei Rossini immer wieder das Gaspedal ordentlich durchzudrücken. Für sein stetes „Accelerando“, das artistische Beschleunigen in den Arien, ist der Komponist ja bekannt und beliebt. Und weil in Salzburg nichts ohne Mozart geht, wird auch der kurz zitiert.
Insgesamt eine viel beklatschte „Raubtier“-Nummer – mit den Löwen wird ab sofort nicht nur im Circus Krone geschmust, und der geläuterte Bey hat sich seinen Applaus redlich verdient. Aber ob er dafür noch mal aufsteht?
„Die Italienerin in Algier“, wieder am 27. September, 4., 7. und 13. Oktober am Salzburger Landestheater, weitere Termine bis 11. Dezember 2026.

