Mit weit geöffneten Kulleraugen starrt das Baby auf die riesige Leinwand direkt vor sich, fasziniert von den animierten Farbexplosionen, die dort entstehen, sobald es seine kleine Hand bewegt: gelbe Punkte und grüne Striche, die sich zu immer neuen Mustern verknoten und über die Leinwand tanzen.
Immer mehr Kulturangebote für Babys und (Klein-)Kinder
Die Bewegungen werden in Miguel Chevaliers interaktiver digitaler Kunst über Sensoren eingefangen. In der Schau „Digital by nature“ wird die Betrachterin so zur Co-Gestalterin. Ein besonderer Reiz! Auch für sehr kleine Betrachterinnen und Betrachter, meint Kuratorin Anja Huber. Schließlich seien schon Babys dazu in der Lage, Kontraste und Formen wahrzunehmen.
Dabei sollen die Babys – anders als es der Titel der Führung vermuten lassen würde – bei „Kunst mit Baby“ gar nicht so sehr im Vordergrund stehen. Angebote für Babys oder Kleinkinder gebe es schließlich genug, erklärt Huber. „Man kann eine Babymassage machen, man kann in eine Krabbelgruppe gehen und wir Eltern sind herzlich eingeladen, unsere Kinder dabei zu begleiten.“
Auch bei den Kulturangeboten geht der Trend in diese Richtung. Immer mehr Museen bieten eigene Ausstellungen explizit für Kinder an – das Münchner Haus der Kunst präsentiert aktuell Kunst für Kinder seit 1968. Im Literaturhaus der Stadt kann man derzeit die Welt der Mumins erkunden, jener kleinen rundlichen Trolle, die sich die finnische Künstlerin Tove Jansson ausgedacht hat.
Hier stehen die Eltern im Vordergrund
Die Kunsthalle macht es andersrum. Hier begleiten nicht die Eltern ihre Babys, sondern umgekehrt die Babys ihre Eltern. So wie die fünf Monate alte Freija ihre Mutter Janina, für die die babygerechte Führung genau richtig ist. Immerhin komme sie so raus aus dem Alltagstrott, sagt Janina. Es sei einfach entspannend zu wissen, dass man sich in einem „geschützten Rahmen“ befinde, in dem jeder Verständnis habe, wenn ein Baby mal schreie oder gewickelt werden müsse.
Die Teilnehmenden sind hier gewissermaßen „unter sich“. Die Führung startet noch bevor die Kunsthalle regulär öffnet. So kann sich das Kinderwagen-Ballett ganz ungestört durch die engeren Räume bewegen. Tatsächlich erinnert das fast an eine Choreografie, wie sich die Teilnehmenden hier mitsamt Kind und Kinderwagen kreisförmig umeinander und zusätzlich um die eigene Achse drehen, um auf Einladung von Jessica Krämer Chevaliers interaktive Leinwand-Kunst zu entdecken.
Die Museumsführerin bietet auch „normale“ Führungen an. Inhaltlich gebe es da keinen Unterschied, so Krämer. Der einzige Unterschied liegt darin, dass hier auch die Bedürfnisse der Babys berücksichtig werden. Da guckt niemand irritiert, wenn sich so ein kleines Wesen mal vom schwarzen Lackboden faszinieren lässt und anfängt, quer durch die Kunsthalle zu robben.
Für Janina geht das Konzept auf jeden Fall auf. Sie genieße einfach die „ruhige Atmosphäre“, sagt sie. „Es ist schön zu sehen, wie die Kleine das alles so mitmacht.“

