Ein Klick am Smartphone genügt, und das Garagentor öffnet sich für das Elektroauto. Auf dem Dach glänzen Solarpaneele, während im Keller eine Batterie den Strom für die Nacht speichert. Sogar das Internet kommt nicht mehr aus der Erde, sondern direkt aus dem All. Es wirkt wie die perfekte Freiheit. Doch dieser Schein trügt: Wer diese Infrastruktur nutzt, begibt sich in eine umfassende Abhängigkeit von einem einzigen Mann: Elon Musk.
Das Betriebssystem der Gegenwart
Dieses Prinzip bezeichnen die Autoren Quinn Slobodian und Ben Tarnoff als „Muskismus“. Ähnlich wie vor gut einhundert Jahren der Fordismus die Massenproduktion und den Konsum zum Standard erhob, soll heute der Muskismus als gesellschaftliches Betriebssystem das 21. Jahrhundert prägen. Das Versprechen: Souveränität durch Technologie. Doch hinter der Fassade der Autarkie steckt ein klares Ziel: Wer die Hardware und die Netzwerke kontrolliert, schafft Monopole. Und das betrifft längst nicht mehr nur Privatpersonen, sondern auch staatliche Organisationen wie die NASA, die auf Musks Raketen angewiesen sind.
Digitale Wagenburg
Die Ursprünge dieses Denkens liegen in der Kindheit des Unternehmers im Südafrika der Apartheid. In einem Umfeld, das sich wie eine belagerte Trutzburg von der Außenwelt abschottete und massiv auf Technologie zur Selbstbehauptung setzte, wurde der Grundstein für das gelegt, was die Autoren heute als „Festungsfuturismus“ beschreiben. Diese Prägung wirkt bis heute nach: Die Idee, sich mit Technik gegen eine feindselige Umwelt abzusichern, ist geblieben.
Science-Fiction als Bauplan
Ein wesentlicher Treibstoff für diese Vision ist die Popkultur, die Musk fast schon wortwörtlich als Anleitung nutzt. In Isaac Asimovs „Foundation“-Trilogie fand er das Motiv einer kleinen Gruppe von Genies, die das Wissen der Menschheit vor dem Kollaps eines Imperiums bewahrt. Der satirische „Reiseführer durch die Galaxis“ inspirierte ihn bereits als Jugendlichen dazu, sich seinen ersten Computer anzuschaffen, und lieferte später den frechen Tonfall für seinen Chatbot „Grok“.
Sogar Zeichentrickserien wie „Transformers“ oder „Robotech“ lieferten Blaupausen: Sein humanoider Roboter trägt den Namen „Optimus“, und die Vision, Mensch und Maschine zu verschmelzen, entspringt direkt den Kindheitsträumen von Kampfrobotern, in denen Piloten eins mit der Technik werden.
Der Staat im Schnelldurchlauf
Besonders drastisch offenbart sich dieser Ansatz im Umgang mit staatlichen Strukturen, die Musk wie eine fehlerhafte Software behandelt. Hier regiert die Gaming-Mentalität: In sogenannten „Speedruns“ versuchen Spieler, ein Ziel in Rekordzeit zu erreichen, indem sie jede Abkürzung und jeden Programmierfehler schamlos ausnutzen. Genau nach diesem Muster werden nun ganze Behörden radikal umgestaltet: löschen, automatisieren, integrieren. Der Staat wird nicht mehr reformiert, sondern gehackt, um ihn nach eigenem Belieben umzumodeln.
Zwischen Ideologie und Überlebenskampf
Das Buch schafft es, den Milliardär nicht bloß als exzentrische Einzelperson, sondern als Symptom eines neuen Weltverständnisses darzustellen. Dennoch bleibt ein Widerspruch: Die Autoren bescheinigen Musk, kein systematischer Denker zu sein, konstruieren dann aber auf fast 300 Seiten eine überaus kohärente Ideologie. Dabei könnte die Wahrheit viel einfacher sein: Musk ist ein sehr reicher Mann, der zu viel Zeit im Internet verbracht hat.

