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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Nimm sie dir“: Wie sexistisch ist Lehárs „Paganini“?
Kultur

„Nimm sie dir“: Wie sexistisch ist Lehárs „Paganini“?

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 13. Oktober 2024 17:49
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Der eine oder andere Jugendliche hat offenbar klare Kriterien für einen Theaterbesuch: „Bloß nichts mit Geigen!“ So jedenfalls eine beliebte Wander-Anekdote, die Regisseure und Dramaturgen gerne zum Besten geben, wenn sie über die Erwartungshaltung des Teenager-Publikums sprechen. Die Geige, die ist für diese Altersgruppe offenbar das Sinnbild für klassische Musik, und damit will sie möglichst nichts zu tun haben.

Inhaltsübersicht
Mut zur Irritation gefragtBilder sollen Text entlarvenEntscheidung für Geld und KarriereMit Sekt in die Wolken

Mut zur Irritation gefragt

Insofern ist Franz Lehárs Operette „Paganini“ nicht gerade ein Lockmittel für das jüngere Publikum, geht es doch hauptsächlich um die Geige und einen ihrer größten Virtuosen, den skandalumwitterten Niccolò Paganini (1782–1840). Der soll aus lauter Eitelkeit auf dem Friedhof für die Toten gespielt und zahllose weibliche Fans in den Wahnsinn getrieben haben, war also ein eigenwilliger Superstar mit fragwürdigen Marotten. Aber das ist lange her, und auch Lehárs Operette von 1925 hat Staub angesetzt – weniger musikalisch als inhaltlich.

Der Text von Paul Knepler und Bela Jenbach geht heute gar nicht mehr. Die populärste Arie, seinerzeit gesungen von Richard Tauber, ist diesbezüglich sogar ein einziges sexistisches Ärgernis: „Gern hab‘ ich die Frau’n geküsst/ hab‘ nie gefragt, ob es gestattet ist;/dachte mir: nimm‘ sie dir/küss sie nur: dafür sind sie ja hier!“ Wer so was heute noch auf die Bühne bringen will, braucht gute Argumente und Mut zur Irritation.

Bilder sollen Text entlarven

Thomas Enzinger, der „Paganini“ für das Landestheater Linz inszenierte und teilweise neu textete, ist als Leiter der Lehár-Festspiele in der derzeitigen Europäischen Kulturhauptstadt Bad Ischl Fachmann für solch heiklen Aufgaben. Er ließ den slowenischen Tenor Matjaž Stopinšek in der Titelrolle des umschwärmten Starvirtuosen die ganz und gar unmöglichen Zeilen mit Trauerflor in der Stimme singen und schickte dazu Balletttänzer auf die Bühne, die sexuelle Gewalt darstellten. Die Bilder sollten also den Text entlarven. Streichungen dagegen seien „keine Lösung, sondern nur ein Verschieben des eigentlichen Problems“, so die Erläuterung im Programmheft.

Offenbar fürchtete das Regieteam bei Eingriffen in die sehr bekannte Arie eine größere Auseinandersetzung über „Cancel Culture“: „Da bedarf sicherlich noch einiges einer gründlichen Aufarbeitung.“ Aber wird die Operette durch solche wohl gemeinten Debattenbeiträge von ihrer Frauenfeindlichkeit und ihren aus heutiger Sicht grotesken Geschlechterklischees befreit? Ganz und gar nicht!

Wäre „Paganini“ eine mehr oder weniger betuliche Komödie, hätte womöglich absurder Klamauk geholfen, ein Travestie-Rollentausch zwischen den Geschlechtern oder andere Verfremdungseffekte. Weil Lehár mit dieser Operette jedoch seine Neigung zu tragischen Stoffen bzw. zur Oper auslebte und alles ernst meinte, ist ein Rettungsversuch beinah zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Übrig bleibt dann ein Ausstattungsstück in der Kostüm-Optik der napoleonischen Empire-Zeit (Bühnenbild: Bernd Frank, Kostüme: Götz Lanzelot Fischer), das zwar gut gesungen wurde, aber thematisch durchweg museal wirkte.

Entscheidung für Geld und Karriere

Niccolò Paganini als viel beschäftigter Künstler zwischen zwei Frauen, der in alle Richtungen nur zugreifen muss und gerne „Flirt“-Ratschläge gibt, bis er sich nach seinen amourösen „Abenteuern“ doch wieder „selbstlos“ für das Geld und die Karriere entscheidet: Die Welt ruft schließlich nach ihm, von Wien bis London. Frauen als „Spielzeug“ der Stars – der Stoff mag höchst aktuell sein, wenn man an die eine oder andere Rockband denkt, doch dann müsste er mit viel mehr satirischem Biss inszeniert werden.

Mit Sekt in die Wolken

So blieb es ein leider ungelöster Problemfall, was nicht an den Mitwirkenden lag. Dirigent Marc Reibel hatte noch die leichteste Aufgabe, denn die aus naheliegenden Gründen inzwischen selten zu hörende Partitur ist nach wie vor schwungvoll, gefühlig, auch mal kitschtriefend, durchgehend unterhaltsam. An Ohrwürmern fehlt es nicht: „Einmal möcht‘ ich was Närrisches tun.“ Aber fällt frisch Verliebten da wirklich nichts Verwegeneres ein als mit einer Rakete und zwei Gläschen Sekt in die Wolken abzuheben? Dieser Lehár hätte deutlich frecher bebildert werden müssen.

Wieder am 17., 21. und 29. Oktober am Landestheater Linz.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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