Ob das höchst populäre Liedgut von DJ Ötzi wirklich so „unterirdisch“ ist, wie es neuerdings von manchen Fans eingeschätzt wird, darüber lässt sich streiten. Rätselhaft und geheimnisvoll wirken seine Schlagertexte jedenfalls nicht gerade: „De leut san netter, des bier schmeckt better“, heißt es in DJ Ötzis Schunkel-Hymne „Tirol“ aus dem Jahr 2013. Solche Verse sind auch noch nach der dritten Maß beim Après-Ski durchaus verständlich, auch wenn womöglich nicht jeder Tourist im „Hoamatland“ sofort sein Heimatland wiedererkennt.
Und doch hat das Lied jetzt, 13 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, Mystery-Fans, Verschwörungstheoretiker, Netz-Schwafler und Bedenkenträger elektrisiert. Offenbar so sehr, dass es „Tirol“ in der inzwischen dritten Woche in die deutschen Single-Charts schaffte [externer Link], aktuell auf Platz 10, und sich sogar die Kulturteile (!) der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung damit beschäftigten.
„Er kennt alle Urkräfte der Welt“
Grund dafür: Der Stimmungshit (Netz-Lob: „Geiler Banger“) wird von Spaßvögeln, aber wohl auch von rechten Fanatikern mit der „Agartha“-Esoterik in Verbindung gebracht. Um diese bizarre Assoziation nachvollziehen zu können, muss man allerdings mindestens um drei Ecken oder den halben Globus herum denken – und wissen, was es mit „Agartha“ auf sich hat.
Ursprünglich soll es sich beim „Agartha“-Kult um ein angeblich mongolisches Volksmärchen von einer sagenhaften unterirdischen Stadt unter dem Himalaya handeln, in der ein allmächtiger König hausen soll wie Kaiser Barbarossa im Untersberg: „Er kennt alle Urkräfte der Welt und liest in allen Seelen der Menschen und aus dem großen Buch ihres Schicksals. Unsichtbar herrscht er über 800 Millionen Männer auf der Erdoberfläche, und sie befolgen jeden seiner Befehle.“
So jedenfalls raunte es der polnische Schriftsteller und Asien-Reisende Ferdynand Antoni Ossendowski (1876-1945) im fünften Teil seines Buchs „Tiere, Menschen und Götter“ (1922) unter der Kapitelüberschrift „Geheimnis der Geheimnisse“ seinen Lesern zu. Allerdings gab es schon kurz nach Erscheinen des Titels Zweifel, ob die nicht gerade originelle Sage vom Königreich, das über unterirdische Gänge mit allen Weltgegenden verbunden sein soll, wirklich in mongolischen Jurten im Umlauf war. Wie auch immer, der Stoff inspirierte bereits 1975 eine Mystery-TV-Serie im Ersten („Sie kommen aus Agarthi“). Damals war Esoterik aus Asien sehr angesagt, mit und ohne Bhagwan.
„Michelangelo der Sänger“
Rechtsextreme Kreise fanden offenbar Gefallen am „Agartha“-Kult und setzten ihn, abstrusen NS-Ideologien folgend, mit einer „arischen“ Zivilisation gleich. Aber was hat DJ Ötzis „Tirol“ damit zu tun, warum vermutet der ein oder andere Youtube-Kommentator ausgerechnet in Innsbruck einen der erwähnten Eingänge nach „Agartha“?
Das hängt damit zusammen, dass Ötzi (für seine Fans der „Michelangelo der Sänger“) auf die eingängige Reggae-Melodie des Songs „Down Under“ (1981) der australischen Band Men at Work singt. „Down Under“ ist nicht nur der umgangssprachliche Begriff für Australien, sondern, wie durch den Rummel um „Tirol“ jetzt auch Nichteingeweihten bekannt wurde, die Hymne von ernsthaften und humorgetriebenen „Agartha“-Fans.
Offenbar zeigen sie sich begeistert, dass Ötzi mit „Tirol“ ihrer Ansicht nach auch die Verschwörungstheorie von der „Hohlerde“ feiert, was dem Text allerdings auch bei größter Anstrengung nicht zu entnehmen ist – obwohl: Spricht Ötzi in der Liedzeile „Da größte mensch im lokal kommt zu mir her auf amal“ vielleicht gar vom Yeti, der ihm bei der Suche nach „Agartha“ mit ein paar Fußspuren aushilft?
Anekdote um Energy-Drink
Das alles dürfte Après-Ski-Partygäste ebenso wenig interessieren wie die TV-Zuschauer bei der Silvestergala im Ersten, wo Ötzi mit rotem „Tirol“-Sweatshirt gefeiert wurde. Dass allerlei „Spinner“ und Dauer-Quatscher in den sozialen Medien, auch rechtsextremistische, gern jede Erregungswelle reiten, ist allgemein bekannt. Offenkundig haben sie ihr Ziel erreicht: Seriöse Medien machten die „Agartha“-Wirrnis in den vergangenen Tagen zum Thema, wobei manche dieser Texte in ihrer Angestrengtheit unfreiwillig komisch gerieten.
Fast schon drehbuchreif ist die im Netz kursierende Anekdote, der Konsum eines bestimmten Energy-Drinks erleichtere die Reise nach „Agartha“. Etwaige Interessenten dürften die vermeintliche Esoterik-Metropole dann zwar aufgekratzt, aber mit einem Zuckerschock erreichen. Hoffentlich ist dann genug Himalayasalz als Gegenmittel zur Hand.

