Fast ausschließlich Frauen sind zu ihrer Lesung gekommen. Dabei ist das letzte, was Gisèle Pelicot an diesem Abend möchte, eine Anklage gegen Männer im Allgemeinen. Mehrmals betont sie, dass es ihr schon immer fernlag, einen Keil zwischen Männer und Frauen zu treiben. Aber noch bevor sie überhaupt ein Wort sagen kann, erhält sie im Münchner Residenztheater Standing Ovations.
Mutmachende Worte an Opfer sexueller Gewalt
Gisèle Pelicot wurde 2024 weltberühmt, als sie den Gerichtsprozess gegen ihre Vergewaltiger öffentlich stattfinden ließ. Seitdem gilt sie als Ikone des Feminismus, ist für viele zum Vorbild geworden. Am Donnerstagabend hat sie in München ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“ vorgestellt. Bevor ihre Lesung beginnt, richtet sie sich direkt an Opfer sexueller Übergriffe und will Mut machen: „Versucht, nicht allein zu sein, holt euch Unterstützung und Hilfe.“ Denn nicht man selbst solle sich schuldig fühlen, „sondern die Täter, die müssen sich schuldig fühlen“.
Pelicot: Die eigene Scham muss weg
An Pelicots Seite sitzen im Münchener Residenztheater Moderatorin Sandra Kegel und die Schauspielerin Caroline Peters, die aus der deutschen Ausgabe liest. Darunter sind Passagen, die erklären und erschrecken. In denen Pelicot beschreibt, wie sie nach langem Ringen den Entschluss fasste, den Prozess öffentlich zu führen. Wie sie sich ganz klein, „aber unerhört lebendig“ fühlte. Und wie ihr in dieser Gefühlslage dieser eine Gedanke kam, der seither immer mit ihr assoziiert wird: „Die Scham musste die Seite wechseln.“
Ihr wird klar, dass sie dafür aber die Vergewaltigungsvideos, die ihr Mann gedreht hat, selbst anschauen muss, noch bevor die Weltöffentlichkeit sie zu sehen bekommt. In ihren Memoiren beschreibt sie, wie sie sich dabei mit der vergewaltigten Frau, die sie darin sieht, nicht identifizieren kann. Und wie gewaltsam diverse Männer darin mit ihr, mit einer bewusstlosen Frau, umgegangen sind.
„Man kann wieder aufstehen“
Es macht ungeheuer wütend, das zu hören, was Gisèle Pelicot da beschreibt. Auch im Publikum im Residenztheater hört man vor lauter Fassungslosigkeit Räuspern oder Seufzen. Gisèle Pelicot ist gefasst, nur ab und zu steigen ihr Tränen in die Augen, erschüttert von alldem, was sie in den letzten fünfzehn Jahren durchmachen musste. Aber sie sagt, sie freue sich, dass sie nun hier säße und überlebt habe.
Mit ihrem Buch wolle sie Hoffnung machen: „Egal was passiert, egal wie schlimm und kompliziert es ist. Man kann wieder aufstehen, man kann sein Leben wieder aufbauen. Und wir haben alle diese Ressourcen in uns, die Kraft, das zu schaffen.“ Genau das sei es, was sie vermitteln wolle. Ihre eigene Resilienz komme von ihren Eltern, erzählt sie.
Und so löst sich dieser Widerspruch zwischen dem Grauen, das sie erfahren musste, und der dennoch von ihr angestimmten Hymne an das Leben. Das entspräche einfach ihrem Wesen, so funktioniere sie eben. Und damit beeindruckt sie das Publikum nachhaltig.

