„Die Vision von Zacharias im Tempel“ wurde zur Traumerfüllung eines Privatsammlers. Denn nach ausführlichen Untersuchungen im Rijksmuseum in Amsterdam steht fest: Was in den 1960er Jahren als Gemälde aus der Werkstatt oder dem Umfeld des Malers erworben worden war, gilt jetzt als echter, eigenhändiger Rembrandt.
Einst das Reich der Kunsthistoriker
Vor sechzig Jahren herrschten noch Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker über die Echtheits-Zuschreibungen an große Meister. In der Regel waren das die AutorInnen der Werkverzeichnisse, oft im Rahmen von Universitäts-Abschlussarbeiten. Sie urteilten nach dem Augenschein und aus Erfahrung, nach bestem Wissen und Gewissen. Im Fall von Rembrandt bestimmte das allmächtige Research Project zwischen 1968 und 2014 über die Echtheit der Kunst. Viele einstmals als echte Werke geltende Gemälde wurden damals aussortiert, zum Beispiel der berühmte „Mann mit dem Goldhelm“, mit dem Berlin sogar seine Touristenwerbung betrieben hatte.
Naturwissenschaften werden wichtiger
Heute wird die Macht der Kunsthistorikerinnen aber zunehmend durch den Einfluss sehr verfeinerter naturwissenschaftlicher Analysen relativiert. Der neue alte Rembrandt ist auf eine Holztafel gemalt: Die Dendrochronologie kann anhand der Wachstumsringe des Holzes auf das Jahr genau das Entstehungsdatum der Tafel bestimmen. Einzelne Bildabschnitte werden exakt gescannt und mit Röntgenstrahlen oder Infrarot-Reflektografie untersucht. Daran erkennt man die Struktur und die Schichtung der Farben. UV-Licht zeigt, wo eventuell Restauratoren schon einmal gearbeitet haben. Und natürlich lassen sich die Farben auch chemisch analysieren.
Als der aktuelle Besitzer des „Zacharias“-Bildes das Werk privat restaurieren ließ und dabei eine Rembrandt-Signatur aufgetaucht ist, die bisher unter braunem Firnis verschwunden war, wandte er sich an die Werkstätten des Rijksmuseums in Amsterdam. Mit dem sensationellen Ergebnis.
Teuerstes Bild der Welt einst unerkannt
Eine solche Entwicklung ist aber nicht einmalig. Das vermeintlich von Leonardo da Vinci stammende Gemälde des „Salvator Mundi“ wurde 2017 für 450 Millionen Dollar in New York versteigert. Es ist weiterhin das teuerste Bild der Welt. 1958 hatte es noch auf einer anderen Auktion in Großbritannien ganze 45 Pfund gekostet. Doch danach kamen einige „Zwischenbesitzer“, die den Salvator immer stärker mit Leonardo in Verbindung gebracht haben. Und eine Restauratorin, die dem zweifellos alten Bild das zuvor vielleicht unter Schmutz versteckte, aber auf jeden Fall schmerzlich vermisste Sfumato verliehen hat, das typische Leuchten um die vom Renaissancegenie gemalten Personen.
Unbemerkt in der Münchner Residenz
Manchmal hilft aber auch der wiederholte kunsthistorische Blick: Als 2024 die Alte Pinakothek in München ihre Ausstellung über die venezianische Malerei vorbereitet hat, interessierte man sich für ein Männer-Doppelbildnis, das schon seit Jahrzehnten fast unbemerkt in den „Grünen Räumen“ der Residenz in München gehangen hatte. Nach einer kunsthistorisch-naturwissenschaftlichen Untersuchung steht inzwischen fest: Das Gemälde zeigt die Freunde Giovanni Borgherini und Trifone Gabriele und stammt von niemand geringerem als dem legendären und früh verstorbenen Maler Giorgione. Ein ungeheurer Zugewinn für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.
Original statt Kopie
Und auch dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ist vor der Jahrtausendwende ein ähnlicher Triumph gelungen. Rembrandts „Selbstbildnis mit Halsberge“, ein Jugendwerk von 1629, hatte immer als sehr viel spätere Kopie des Originals im Mauritshuis in Den Haag gegolten. Bis Claus Grimm, damals Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, 1998 mit anderen Fachleuten entdeckte: Nürnberg besitzt das Original und Den Haag die Zweitversion. Bisher bestätigen das auch alle naturwissenschaftlichen Untersuchungen.

