„Jemandem eine Extrawurst zu braten“ bedeutet – so definiert es der Duden –, die betreffende Person bevorzugt zu behandeln. Aber ob so eine Extrawurst wirklich immer eine Vorzugsbehandlung ist, oder ob es nicht eigentlich selbstverständlich sein sollte, auf besondere Bedürfnisse einzugehen – darüber lässt sich trefflich streiten. „Extrawurst“ – so heißt ein Theaterstück, das von genau so einem Streitfall handelt. Darin zoffen sich die Mitglieder eines Tennisclubs, ob für den einzigen muslimischen Spieler im Verein ein zweiter Grill angeschafft werden sollte, damit seine türkischen Sucuk-Würste nicht neben Schweinefleisch auf dem Rost brutzeln müssen.
Die 2019 entstandene Satire hat sich binnen weniger Jahre zum Renner auf Boulevard-Bühnen entwickelt. Regisseur Marcus H. Rosenmüller hat den Stoff jetzt ins Kino gebracht. Im Bayern 2-Interview mit Judith Heitkamp spricht er über die Herausforderungen beim Dreh und darüber, wie er sich selbst in den Figuren wiedererkannt hat.
Judith Heitkamp: Essen Sie Grillwurst, Herr Rosenmüller?
Marcus H. Rosenmüller: Ich esse grundsätzlich alles. Hin und wieder habe ich vegetarische Phasen. Aber grundsätzlich mag ich eigentlich alles. Bis auf Schwammerl. Aus irgendeinem Grund mag ich keine Schwammerl …
Schwammerl sind in unserem Zusammenhang unproblematisch … und wurde am Set gegrillt?
Nur einmal, da haben wir ein Fest gemacht …
Und da blieb es harmonisch?
Wenn wir feiern, geht es immer ausgelassen zu. Wir müssen hart malochen, hart arbeiten. Da freuen wir uns umso mehr, wenn wir mal privat zusammenkommen …
In Ihrem Film läuft es ja ganz anders: Der Tennisclub Lengenheide hält Jahreshauptversammlung, die Anschaffung eines neuen Grills wird beschlossen, und dann macht jemand den Vorschlag, man könnte doch einen zweiten Grill anschaffen für die Vereinsmitglieder, die ihre Würste halal essen … und der ganze Rest, so haben Sie es in einem anderen Interview mal gesagt, ist „eigentlich überflüssig“?
So ist es! Es ist ganz verrückt: Wenn man die Geschichte so gepitcht bekommt, denkt man sich, das könnte wahnsinnig fad werden. Aber als ich das Drehbuch gelesen habe, war ich wirklich überrascht, dass den beiden Autoren immer wieder was Neues eingefallen ist, um die Diskussion logisch und spannend weiterzuführen…
„Jeder kennt diese Situation“
Der Streit eskaliert, Türen schlagen, Ämter werden niedergelegt … Was würden Sie sagen auf einer Skala von eins bis zehn – wie sehr ist das überspitzt? Oder trifft das die Realität der deutschen Diskussionskultur?
Die Kunst guter Satire besteht darin, glaube ich, dass sie den Finger in die Wunde legt. Ich wollte gerade schon intervenieren, als sie „überspitzt“ gesagt haben. Denn wenn man dieses Buch liest, dann merkt man schnell: Die haben ja tatsächlich Argumente, und zwar beide Seiten. Ich bin wirklich in diese Diskussion mit eingestiegen. Manchmal habe ich mich auch gespiegelt gefühlt und mir gedacht, wie deppert man doch manchmal ist.
Also, um auf Ihre Frage zurückzukommen: Einerseits ist diese Satire natürlich sehr überspitzt, ich kann da locker manchmal zehn Punkte vergeben. Aber genauso oft denke ich mir: 10 Punkte von 10 für den Realismus.
Es ist ja so: Jeder von uns, der schon mal in einer Elterninitiative war, oder in einem Verein, bei irgendeiner Jahreshauptversammlung, der kennt diese Situation. Man ist fast fertig, dann meldet sich noch eine*r – und schon kennt die Diskussion kein Ende. Wer diesen Film sieht, denkt sich also vielleicht: Ja, stimmt, bei uns geht’s auch so zu.

