Robin scrollte. Stundenlang. Er scrollte durch lustige Videos, um in der Schule zu wissen, welche Memes gerade angesagt sind. Er scrollte und fand Extremes, Leichen, Gewalt. Er lag im Bett und scrollte, während scheinbar alle anderen Menschen auf dieser Welt gerade draußen waren, auf Partys, im Urlaub. Robin scrollte, und dann fühlte er sich schlecht.
„Es war wie ein Schleier der Unzufriedenheit, der sich über meinen Tag gelegt hat“, erzählt er. Robin ist 19, letztes Jahr hat er Abitur gemacht. Sein erstes Smartphone bekam er in der fünften Klasse. Er wuchs auf mit WhatsApp, Snapchat, dann Instagram und TikTok.
Die Plattformen sind zu Content-Müllhalden verkommen
Vor zwei Jahren fragte er sich: Was mache ich hier? Ich verschwende so viel Zeit. 17 war er da. Und dann: löschte er seine Accounts. Alle Sozialen Medien, bis auf WhatsApp und YouTube. Dort lädt er ein Jahr später ein Video hoch, es heißt „Wie 365 Tage ohne Social Media mich verändert haben“. Er erzählt darin, dass ihn die Sozialen Medien traurig gemacht haben, dass er sich auf nichts mehr konzentrieren konnte. Und: dass es ihm jetzt viel, viel besser geht.
Das Video schlägt ein wie eine Bombe. Bis heute haben fast eine Million Menschen den Clip gesehen. Robin hat angesprochen, was viele schon lange spüren: Die Sozialen Medien tun ihnen nicht mehr gut.
Das zeigt sich auch in den Zahlen: die Zeit, die 16- bis 24-Jährige in den Sozialen Medien verbringen, ist von 2023 auf 2024 gesunken. Während sie in allen anderen Altersgruppen stagniert. Ist das die Trendwende?
Eine gute Kindheit ist eine ohne Smartphone
Der US-Sozialpsychologe Jonathan Haidt hat mit seinem Bestseller „Generation Angst“ eine Welle der Veränderung losgetreten. Er beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Anstieg von Depressionen unter Teenagern und dem Erfolg der Sozialen Medien. „Wir sehen eine Krise der mentalen Gesundheit, die zwischen 2010 und 2015 ihren Anfang nimmt – 2012 kauft Facebook Instagram und der Siegeszug der Bild-basierten sozialen Medien beginnt.“
Für Haidt besteht der große Unterschied in dem, was eine gute Kindheit ausmacht: „Säugetiere wie wir müssen spielen, spielen, spielen. So entwickeln sie ihre körperlichen und sozialen Fähigkeiten. Sie üben, Erwachsene zu sein. Über Jahrtausende hinweg sah Kindheit so aus. Heute verbringen Kinder durchschnittlich fünf Stunden täglich in Sozialen Medien – unter solchen Bedingungen kann sich ein Gehirn nicht normal entwickeln.“
Die ständige Bewertung, das Vergleichen, die Angst vor dem nächsten Shitstorm, Gewalt, Pornographie, Fake News – es sei absurd, sagt Haidt, dass wir unsere Kinder nicht davor schützen. Australien und Indonesien haben Soziale Medien für Kinder unter 16 Jahren verboten. Frankreich, Spanien und andere Länder der EU denken darüber nach.
Die Utopie der Demokratisierung ist gescheitert
Dabei war die Idee doch mal: Eine informierte Gesellschaft, die sich nicht manipulieren lässt. Zeigt nicht das Beispiel Iran oder die Erschießungen von Renée Good und Alex Pretti, wie wichtig Soziale Medien sind, weil hier die Lügen von Regierungen entlarvt werden können? Haidt widerspricht: „Die Forschung zeigt inzwischen ziemlich eindeutig: Algorithmus gesteuerte Plattformen, die auf maximale Aufmerksamkeit, Abhängigkeit und Empörung ausgelegt sind, sind der denkbar schlechteste Nährboden für informierte Bürgerinnen und Bürger. Unsere Gesellschaften sind zerrissen, die Extremisten sind außer Kontrolle – in den USA genauso wie in vielen europäischen Ländern.“ Das ist seiner Ansicht nach zu einem großen Teil eine Folge Sozialer Medien. „Kinder von ihnen fernzuhalten, heißt daher nicht, sie von Demokratie fernzuhalten, sondern sie überhaupt erst dafür zu befähigen“, so Haidt.
Die Sehnsucht nach dem echten Leben
Robin ist nie wieder zu Instagram oder TikTok zurückgekehrt. Er habe mehr Sport gemacht, mehr Freunde getroffen, mehr gelesen. „Ich habe gemerkt, dass es mir leichter fällt, anderen Leuten zuzuhören, weil ich halt nicht ständig mein Handy in der Hand habe.“

