Nein, es geht an sich nicht um die landwirtschaftlichen Zwangskollektive der Sowjetunion. Aber schon um russische Bezüge. „Kolchose machen“ hieß es in der Familie Carrère d’Encausse, wenn Papa auf Reisen war und die drei Kinder bei Mama schlafen durften. „… denn im Guten wie im Schlechten ist Russland für mich eine Familienangelegenheit: unsere vertikale Achse“, so heißt es gleich am Anfang von „Kolchose“.
Seit Beginn des Ukraine-Krieges habe er über das komplizierte und emotionale Verhältnis seiner Familie zu Russland schreiben wollen, sagt Emmanuel Carrère. Seine Mutter stammte von dort und war eine renommierte Historikerin für russische und sowjetische Geschichte: „Ich bin in der Liebe zu dieser Kultur aufgewachsen.“
Nun ist Emmanuel Carrère ein bekannter Schriftsteller, aber zumindest in Frankreich war der Name seiner Mutter lange weitaus berühmter. Hélène Carrère d’Encausse war die Hüterin der Hochkultur, über zwei Jahrzehnte stand sie an der Spitze der Académie Francaise, und als Russland-Koryphäe hatte sie einen direkten Draht in den Elysée-Palast und in den Kreml. Nach ihrem Tod 2023 wurde ihr ein Staatsbegräbnis zuteil, und Präsident Emmanuel Macron erinnerte daran, dass sie einst ein Kind staatenloser Emigranten war und später zur „Inkarnation der französischen Republik“ wurde.
Sezierte Familiengeschichte
Keine einfache Verwandtschaft für einen angehenden Schriftsteller. Den zärtlichen Kindheits-Erinnerungen stehen Zerwürfnisse unter Erwachsenen gegenüber. Unterm Strich ist das Porträt der Mutter, das Carrère zeichnet, schonungslos. Dass er sich ebenfalls mit russischen Themen beschäftigt, irritiert die strenge und ehrgeizige Intellektuelle. Dass er seinen Großvater, ihren Vater, als Nazi-Kollaborateur hinstellt, schockiert sie und führt zum zeitweiligen Bruch. Und als Russlands Präsident Wladimir Putin die Voll-Invasion in die Ukraine befiehlt, bröckeln Ruhm und Weltbild von Hélène Carrère d‘Encausse, denn noch eine Woche zuvor hatte sie das im Fernsehen für ausgeschlossen erklärt. Emmanuel Carrère seinerseits fliegt als Journalist nach Moskau.
Er macht überhaupt alles anders als seine Mutter. Sie gibt sich wissenschaftlich objektiv, er schreibt extrem persönlich. Sogar in der ersten Person, was für sie undenkbar war. Trotzdem, so sagt er heute, sei sie stolz gewesen darauf, dass er Schriftsteller wurde.
Aktenordner voller Ahnenforschung
Nach ihrem Tod kamen alle diese Themen zusammen – die Mutter-Sohn-Beziehung, der Horror von Putins Krieg, die Frage nach der russischen Kultur, die „vertikale Achse“ der Familiengeschichte; „Kolchose“ entstand. Wir lernen darin auch sehr viele Vorfahren kennen, denn Emmanuel Carrères Vater hat Aktenordner voller Ahnenforschung hinterlassen, sicher ein Drittel des Textes breitet Lebensgeschichten der vergangenen 100 Jahre aus. Eine internationale Verbundenheit, deren einstige Normalität fast vergessen ist.
„… ist es angesichts all dessen nicht völlig unangebracht, über sein eigenes kleines, zu Ende gehendes Leben zu schreiben? … Doch die letzten Monate meiner Eltern und die große zeitliche Kluft, die mich von dem kleinen Jungen in den 60er-Jahren trennt, mögen unbedeutend erscheinen, aber sie sind nicht bedeutungslos“, das ist Carrères schriftstellerisches Credo.
Pageturner voller Anekdoten
Bedeutung hat das Große, und Bedeutung hat das Kleine. Achtung also, „Kolchose“ zu lesen macht nur Sinn, wenn man dieses skandalöse Gefälle, aber auch die subjektiven Zooms in die Zeitgeschichte, die persönlichen Unwuchten akzeptiert. Wenn man sich Carrères eleganten Stil in der gleichfalls eleganten Übersetzung von Claudia Hamm überlässt und damit, wie sollte es anders sein, seiner Sichtweise, seiner Unverschämtheit, seiner Welt.
Man tut es tatsächlich gerne, der Autor beherrscht die Kunst, schwindelerregende Sprünge plausibel zu machen. „Kolchose“ wird zum Pageturner voller Anekdoten und Details. Kuscheln oder „Kolchose machen“ – das passierte in der gleichen Welt, in der die Gegner der Oktoberrevolution zerstückelt oder Zivilisten in Butcha vergewaltigt wurden. Und in der die drei längst erwachsen gewordenen Kinder, die damals bei Mama schlafen durften, schließlich Abschied nehmen müssen.

