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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Sie belügen uns dreist“: Lässt Putin Wirtschaftsdaten fälschen?
Kultur

„Sie belügen uns dreist“: Lässt Putin Wirtschaftsdaten fälschen?

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 19. Oktober 2024 10:48
Von Uta Schröder
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6 min. Lesezeit
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💡 Peter Jungblut beobachtet für BR24 Kultur die Debatten hinter den Meldungen rund um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dazu verfolgt er russische Medien, Telegram-Kanäle und Social Media, und wertet die Einschätzungen / Stimmen dort dazu feuilletonistisch aus und ordnet ein. So zeigen wir, wie Millionen Menschen innerhalb der russischsprachigen Welt über die Ereignisse diskutieren.

Inhaltsübersicht
„Krieg um Deutungshoheit“„Wie sie rechnen, ist ein Rätsel“„Trend verschlechtert sich“„Wird Papa weniger trinken?“

„Nun ja, wir haben irgendwie schon geahnt, dass sie uns bezüglich der Inflation belogen haben. Aber dass sie so dreist sind…“ klagt einer der russischen Polit-Blogger über die Meldung, wonach Putin womöglich systematisch die Daten seiner Kriegswirtschaft fälschen lässt, um vermeintliche Stärke zu beweisen. Diese Vermutung äußern die Experten vom Stockholm Institute of Transition Economics (SITE) in einem aufschlussreichen Gutachten unter dem Titel „Die russische Wirtschaft im Nebel des Krieges“ [externer Link].

„Krieg um Deutungshoheit“

Dort heißt es, Putin heize die Kriegskonjunktur aus dem Staatshaushalt an, was eine galoppierende Inflation ausgelöst habe. Alle zivilen Branchen gerieten unter massiven Druck, die Exporterlöse und die Reserven würden aufgezehrt. Das „Strohfeuer“ eines kurzfristig hohen Wirtschaftswachstums erweise sich als Illusion, wenn die wahre Inflationsrate berücksichtigt werde. Möglicherweise sei Russlands Wirtschaft real sogar um bis zu zehn Prozent eingebrochen: „Es ist wichtig zu betonen, dass es auch ein Krieg um Informationen und Deutungshoheit ist, in dem die russische Regierung starke Motive hat, die Welt davon zu überzeugen, dass es ihrer Wirtschaft gut geht und die Sanktionen nicht wirken.“

Die Inflation sei in Russland „sehr wahrscheinlich viel höher, als wir denken“, behauptete Sergei Guriew von der London Business School. Im Wesentlichen behelfe sich Putin mit „Gelddrucken“.

Letztlich geht es weniger um eine Wirtschafts-, als um eine Glaubwürdigkeits-Debatte. Der russische Politologe Michail Winogradow hatte bereits im September die offizielle Zahl einer Inflationsrate von rund sieben Prozent angezweifelt und behauptet, selbst die Zentralbank gehe von knapp 20 Prozent Geldentwertung aus. Für Hohn hatte die Veröffentlichung der äußerst bescheidenen Kantinenpreise im Parlamentsrestaurant gesorgt, wo die Speisen offenbar hoch subventioniert sind.

„Wie sie rechnen, ist ein Rätsel“

Kommentator Anatoli Nesmijan (116.000 Fans) spottete: [externer Link] „Wenn etwas aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente, quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente. Wenn alle Anzeichen einer schweren Wirtschaftskrise vorhanden sind, wenn wir sie selbst spüren, wir aber laut Regierung ein Wachstum verzeichnen, dann lügen uns die Behörden höchstwahrscheinlich schlichtweg an. Die Frage ist natürlich, mit welchen Daten genau, aber in Wirklichkeit spielt es keine Rolle, da sie im Allgemeinen überall und über alles lügen. Warum sie ausgerechnet in Wirtschaftsfragen die heilige Wahrheit sagen sollten, wenn sie bei allem anderen lügen, ist höchst fraglich.“

Politologe Konstantin Kalaschew machte sich darüber lustig, dass die russische Statistikbehörde kürzlich behauptete, die Inflation sei unter neun Prozent gesunken: „Wie sie es errechnen, ist ein großes Rätsel. Im Laufe des letzten Jahres ist buchstäblich alles im Preis deutlich über diesen Wert angestiegen. Um also weniger als neun Prozent zu erreichen, müsste gleichzeitig irgendetwas im Preis sinken. Oder zumindest nicht steigen. Aber was?“

„Trend verschlechtert sich“

Für ironische Kommentare sorgte eine Umfrage der russischen Zentralbank, wonach die „gefühlte“ Inflation nach Meinung der Befragten derzeit bei rund 15 Prozent liegt. Vermutlich würden reiche Leute die Frage anders beantworten als arme, vermutete ein Blogger mit 128.000 Followern [externer Link]. Schließlich seien die Konsumgewohnheiten höchst unterschiedlich: „Es ist, als würde man die Leute auf der Straße fragen, wie kalt es gerade sei.“

Der Zorn der russischen Ultrapatrioten richtet sich allerdings nicht gegen den Kreml, sondern gegen die Zentralbank, die mit einem Rekord-Zinsniveau von 19 Prozent versucht, die Geldentwertung zu bremsen. Daran wird sich nach Ansicht der Kolumnistin Natalja Wascheljuk von der regierungsnahen Zeitung „Iwestija“ auch nichts ändern [externer Link]: Die Ölpreise seien rückläufig, die Deviseneinnahmen somit auch. Selbst sie rechnet mit noch mehr Inflation und einem schwächeren Rubel: „Der Trend verschlechtert sich, der Kapitalabfluss verstärkt sich.“

„Wird Papa weniger trinken?“

In russischen Zeitungen wie „Fontanka“ aus St. Petersburg höhnen Leser derweil: „Größe kostet nun mal Geld, bitte zahlen!“ oder auch: „Wird Papa jetzt weniger trinken? Nein, er wird weniger essen!“ Ältere mit Lebenserfahrung in der UdSSR empfahlen, Lebensmittel wie Kondensmilch einfach zu verdünnen, statt die Preise anzuheben: „Der Tafelmeerrettich schmeckt inzwischen nur noch nach Gülle, vor einem Monat war noch alles normal.“

Mit Blick darauf, dass Putin Waffen und Soldaten in Nordkorea „erbettelt“, meinte der in London lehrende Wladimir Pastuchow ironisch: „Sie haben Russland vergebens wieder aufgerichtet. Es gibt Dinge, die gehen auf Knien einfacher.“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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