Stephanie Burt ist Anglistik-Professorin in Harvard und bekennende Swiftie. Aus einem Uni-Seminar über Taylor Swift ist nun ein Buch geworden: „Taylor’s Version. Das poetische und musikalische Genie von Taylor Swift“ (externer Link). 360 Seiten in seidigem Dunkelblau. Burt macht keinen Hehl daraus, dass sie hier als Fan schreibt, der mit dem Buch das Genie seines Idols unterstreichen will. Album für Album tastet sie sich chronologisch voran, von Taylor‘s Anfängen in der Country-Musik und ihrem Debut „Taylor Swift“ bis zu „The Tortured Poets Department“.
Burt bleibt dabei immer dicht an der Person Taylor Swifts dran: Es gibt viele Hintergrundinformationen zu ihrem Privatleben, ihrer Familie, ihren Beziehungen. Tatsächlich dreht sich das Buch hauptsächlich um das Gefühlsleben von Taylor Swift – so wie Burt es sich vorstellt: Teenagergefühle, Krisen, Wünsche, Enttäuschungen, Ziele. Kurz gesagt: Sie stochert im Gefühlsleben der Sängerin herum, wohlwissend, dass die Aussagen Taylor Swifts über ihr Privatleben streng kuratiert sind, also mitnichten zwingend der Wahrheit entsprechen. Als wäre das nicht schon unwissenschaftlich genug, bringt sie dabei oft auch ihre eigenen Gefühle ins Spiel.
Taylor Swift als Uni-Stoff in Harvard
Als Anglistik-Professorin legt Burt den Schwerpunkt auf die Texte und ihr Zusammenspiel mit Rhythmus und Melodie der Songs. Immer wieder zieht sie Parallelen zur Literaturgeschichte, zu Gedichten von Horaz, Schiller, Alexander Pope, William Butler Yeats, Robert Frost oder Willa Cather. Das ist originell, der Erkenntnisgewinn ist allerdings mau. Insgesamt ist „Taylor’s Version“ von Stephanie Burt eine Enttäuschung: strukturell fast peinlich und sprachlich so ausschweifend und redundant, dass die Lektüre schwer verdaulich wird.
Ganz anders das Buch von Jörn Glasenapp, ebenfalls Anglist und Professor für Literatur und Medien an der Universität Bamberg: auf knackigen 100 Seiten behandelt er gleich zwei Megastars: „Beyoncé und Taylor Swift. Run the World“ (externer Link) heißt sein schmaler Band aus der Reihe „Popgeschichte“ im Wallstein-Verlag. Für Glasenapp sind Swift und Beyoncé die „popmusikalischen Taktgeberinnen unserer Zeit“: Eine weiße und eine schwarze Künstlerin, die musikalisch höchst unterschiedliche Wege gehen und doch beide als „Thronfolgerinnen“ Madonnas gelten können, jener Frau, die am Anfang der „Ära weiblicher künstlerischer Souveränität“ im Pop steht.
Die popmusikalischen Taktgeberinnen unserer Zeit
Glasenapp behandelt die Themen, die wirklich wichtig sind: Wofür stehen die Sängerinnen jeweils: Für ihren Gesang? Ihre Performance? Das Songwriting? Warum sind gerade diese beiden so erfolgreich? Und vor allem: Was verbindet, was unterscheidet sie? Beide sorgen mit krassen Genrewechseln immer wieder für Abwechslung, große Unterschiede gibt es bei der Nahbarkeit: Wo Beyoncé als hart arbeitende, unantastbare Diva thront, gibt Megastar Taylor Swift alles, um weiter als Mädchen von nebenan durchzugehen.
Glasenapps Doppelporträt entpuppt sich als clevere Erzählstrategie: Gespiegelt an der jeweils anderen wird das außergewöhnliche der Sängerinnen besonders deutlich. Dass Tayler Swift ihre Texte selbständig und oft völlig allein schreibt, wird erst besonders, wenn man weiß, dass Beyoncé – und mit ihr fast die gesamte Popwelt – auf extremes Teamwork setzt: Beats, Akkorde, Instrumentierung, Melodien, Lyrics… mitunter schrieben schon 21 Menschen an einem ihrer Songs.
Popgeschichte als Kulturgeschichte
Auch Jörn Glasenapp ist Fan beider Sängerinnen, aber anders als Stephanie Burt bleibt sein Blick klar und seine Perspektive wissenschaftlich. Sein Horizont ist weit, er begreift Popgeschichte als eine nach vielen Seiten hin offenen Kulturgeschichte. Vor allem aber ordnet er ein, beispielhaft erzählt er vom noch immer grassierenden Rassismus im Musikbusiness und von Black-Empowerment, die in Deutschland schwer nachvollziehbare Bedeutung der Country-Musik in den USA belegt er mit Zahlen. Sein Exkurs über den Feminismus in der Popgeschichte sollte Pflichtlektüre im Schulunterricht werden.
„Beyoncé und Taylor Swift. Run The World“ ist eine wahre Freude: Dramaturgisch gut durchdacht, sprachlich auf den Punkt, liefert es Popgeschichte wie man sie sich wünscht, nämlich auch mit der ein oder anderen vielsagenden Anekdote über lautes Singen auf dem Laufband oder überhitzte Studios bei Videodreh von „Single Ladies“.
Stephanie Burt: „Taylor’s Version. Das poetische und musikalische Genie von Taylor Swift, aus dem Englischen von Anja Kauß, C.H. Beck.
Jörn Glasenapp: „Beyoncé und Taylor Swift. Run the World“, Reihe Popgeschichte, Wallstein Verlag.

