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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Gedächtnisbuch: Schüler erforschen Biographien von KZ-Häftlingen
Wissen

Gedächtnisbuch: Schüler erforschen Biographien von KZ-Häftlingen

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 19. März 2026 17:47
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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Viel wussten die 18-jährige Mila Ruchatz und ihre Familie nicht darüber, was ihr Urgroßonkel Walerian Krzyminski im Konzentrationslager Dachau erlebt hat. Nur, dass er als katholischer Priester aus Polen von 1940 bis zur Befreiung 1945 in Dachau inhaftiert war. Über die Kriegszeit hatte er nie gesprochen. Milas Mutter wusste nur, dass er einmal einen Becher kommentiert habe, den die Mutter gekauft hatte. „Er meinte zu ihr, der ist sehr derbe, solche hatten wir im Lager,“ erinnert sich Mila Ruchatz. Es blieb die einzige Erinnerung, die er teilte.

Inhaltsübersicht
Gedächtnisbuch-Projekt über Häftlinge des KZ DachauÜber 300 Biographien über KZ-HäftlingeAufwändige DetektivarbeitWar der Urgroßonkel überhaupt ein „Guter“?Harte Analyse von TäterdokumentenEine neue Erinnerungskultur

Gedächtnisbuch-Projekt über Häftlinge des KZ Dachau

Als die Geschichtslehrerin Silke Bergau an ihrer Schule, dem Städtischen Theodolinden-Gymnasium in München, das Gedächtnisbuch-Projekt vorstellte, war Mila Ruchatz sofort klar: Das ist ihre Möglichkeit, die Geschichte ihres Urgroßonkels aufzuarbeiten. Das Projekt fand im Rahmen eines sogenannten W-Seminars statt, dem Wissenschaftspropädeutischen Seminar. So ein Seminar müssen in Bayern alle Gymnasiasten in der 12. und 13. Klasse belegen. Dabei sollen sie wissenschaftliches Arbeiten erlernen und verfassen auch eine sogenannte W-Seminararbeit.

Über 300 Biographien über KZ-Häftlinge

Mila Ruchatz hat ihre Arbeit über die Biographie ihres Urgroßonkels Walerian Krzyminski geschrieben. Dafür kontaktierte sie mehrere Archive und erhielt über 150 Seiten Quellenmaterial. Mit diesen Informationen entstand das neue „Gedächtnisblatt“ für das Dachauer Gedächtnisbuch. Die Sammlung von Biographien ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau ist online (externer Link) einsehbar, aber auch offline in der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Gestartet hatte das Projekt Sabine Gerhardus im Jahr 1999. Seitdem entstandenin verschiedenen Workshops und Projekten über 300 Gedächtnisblätter.

Dass das Dachauer Gedächtnisbuch-Projekt an dem Münchener Gymnasium auf so großes Interesse stieß, überraschte Sabine Gerhardus. Nachdem sie ihr Projekt vorgestellt hatte, fragte sie die Schülerinnen und Schüler vorsichtig, ob sie denn glaubten, dass das W-Seminar auch stattfinden würde. Die Gymnasiasten hätten sie daraufhin nur mit großen Augen angeschaut und gesagt, sie hätten eher Sorge, dass es zu viele Bewerber geben könnte, erzählt sie.

Aufwändige Detektivarbeit

Dabei war allen klar, dass eine akribische, zeitaufwändige Detektivarbeit auf sie wartet, die weit über das übliche Maß eines W-Seminars hinausgeht, sagt Geschichtslehrerin Silke Bergau: „Wenn man am Anfang nur eine Meldekarte hat und am Schluss dann eine umfangreiche Arbeit und ein Gedächtnisblatt dazu entstanden ist, dann ist das enorm.“ Mila Ruchatz etwa verbrachte für ihre Recherche die Ferien in Polen, um dort mit ihrer Familie zu sprechen, und durchforstete Biographien anderer in Dachau inhaftierter Priester. Sie sagt, zwischendurch habe sie Angst gehabt, dass ihr Urgroßonkel vielleicht keiner von den „Guten“ war, sofern man bei KZ-Häftlingen überhaupt in diesen Kategorien sprechen könne.

War der Urgroßonkel überhaupt ein „Guter“?

Ein polnische Priester, der zeitgleich mit ihrem Urgroßonkel im KZ Dachau war, hat in einem knapp 700 Seiten starken Buch ausführlich seine Haft beschrieben. Zunächst fand Mila Ruchatz darin nichts über ihren Urgroßonkel Walerian Krzyminski. Aber dann stieß sie doch auf eine Stelle, an der dieser als Vermittler zwischen den Häftlingsgruppen genannt wird. „Das fand ich total schön, ihn in diesem umfangreichen Buch explizit erwähnt zu sehen,“ erinnert sich Ruchatz.

Harte Analyse von Täterdokumenten

Ihre Mitschülerin Ella Limbrunner forschte zu Emil Meier, einem Kommunisten, der, wie Ella selbst, in Giesing lebte. Am schwierigsten empfand sie die Analyse von Täterdokumenten, wie die Protokolle der Gestapo. Einerseits habe sie Protokolle der Verhöre gehabt und andererseits einen Bericht von Emil Meier selbst. Darin beschreibt er, wie er gefoltert wurde. Dies zu analysieren, und gleichzeitig zu lesen, welche körperliche Gewalt er damals erfuhr, sei sehr hart gewesen.

Eine neue Erinnerungskultur

Jakob von Borries verfasste sein Gedächtnisblatt und die W-Seminararbeit über den jüdischen Arzt Dr. Max Karl, wie er selbst FC Bayern-Mitglied. Er ist sich sicher: Wenn es immer weniger Zeitzeugen gibt, braucht es eine neue Erinnerungskultur. Denn nur über diese Einzelschicksale würde sich eine emotionale Verbindung oder ein Verständnis aufbauen zu dem, was damals passierte, sagt er.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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