Warum und wie intensiv sich Menschen verlieben, wird wohl auf ewig eines der unergründlichen Mysterien des Lebens bleiben. Für manche ist das Aussehen ausschlaggebend, bei anderen springt der Funke nach tiefgründigen Gesprächen über, wieder anderen reicht ein Lächeln, um ihr Herz zu verlieren. Oder, wie bei David und Lionel, ein Lied.
Es ist das Jahr 1917, als sich die beiden jungen Männer am Boston Conservatory erstmals begegnen. Der von Josh O’Connor verkörperte David sitzt selbstbewusst am Piano und unterhält im Alleingang eine verrauchte Studentenbar. Als der von Paul Mescal mit schüchterner Neugier gespielte Lionel eine Melodie aus Kindheitstagen erkennt, entspinnt sich ein Gespräch über ihre Faszination für alte Folksongs. Einer von Lionels Favoriten ist „Silver Dagger“.
Queere Liebe im Jahr 1917
Die tief empfundene Melancholie, mit der Lionel den Song vorträgt, wird auch zum dominierenden Gefühl ihrer Seelenverwandtschaft, von der das Drama „The History of Sound“ erzählt. So schnell wie sie sich finden, verlieren sie einander wieder: Der Erste Weltkrieg trennt die beiden. David muss an die Front, Lionel kehrt nach Kentucky zur Farm seiner Eltern zurück.
Als sie lange Zeit später für ein musikwissenschaftliches Projekt wochenlang durchs ländliche Maine wandern, im Wald zelten und einander umarmend die Nächte verbringen, hat sich alles und nichts verändert – ihre Gefühle für einander sind so unsichtbar und präsent wie die Volksweisen, die sie in den einfachen Behausungen der Landbevölkerung mit einem Phonographen aufzeichnen.
Parallelen zu „Brokeback Mountain“
Eine queere Liebesgeschichte in unberührter Natur, die sich ganz auf ihre schweigsamen Protagonisten konzentriert und sanft, aber unerbittlich von der Unmöglichkeit ihrer Beziehung erzählt: Die Parallelen zu „Brokeback Mountain“ sind offensichtlich. Und doch trifft „The History of Sound“ ganz andere Töne. Auch hier sind es wie so oft die gesellschaftlichen Konventionen, die den einen mehr, den anderen weniger daran zweifeln lassen, was richtig und was falsch ist.
Aber „The History of Sound“ nimmt sich deutlich mehr Zeit für die inneren Konflikte seiner Hauptfiguren, manchmal etwas zu viel. Das Erzähltempo ist bedächtig, die Kamera verweilt lange auf den Gesichtern der Darsteller, setzt darauf, dass das Publikum Gesten und Blicke dechiffriert, in denen Glück und Traurigkeit verschwimmen.
Verbunden in der Liebe zur Musik
Als sie sich am Ende der Exkursion trennen, bleibt die Kamera bei Lionel, begleitet ihn durch Jahre und Jahrzehnte, in denen er etwas sucht, das ihn ähnlich erfüllt wie diese erste große Liebe. Er wird es nie finden. Umso berührender ist der in den 80er-Jahren angesiedelte Schluss, in denen er all die Antworten erhält, nach denen er sich gesehnt hat.
Ihm wie auch dem Betrachter schnürt es nach dieser langen emotionalen Reise unweigerlich die Kehle zu – wie ein Song, der lang zurückliegende Erinnerungen an Menschen und Momente weckt, die nie verschwinden werden.
Ab sofort im Kino: „The History of Sound“ von Oliver Hermanus

