„Der Erfolg hielt sich massiv in Grenzen. Ich habe von dem Album ‚Zwo‘, glaube ich, knapp 400 Stück verkauft. Die Leute schrieben mir, Sie sind im Film wirklich sehr gut, aber ihre Musik ist grauenvoll“, erinnert sich Herbert Grönemeyer in einer neuen ARD-Doku „Alles bleibt anders“ über seine musikalischen Anfänge. 1980 hatte er seine zweite Platte aufgenommen und nennt seine damaligen TV-Auftritte mit dem Song „Ich hab dich lieb“ rückblickend „gefühlvoll“, was er offenbar nicht als Selbstlob verstanden wissen will: „Oh Gott, wie furchtbar! Diese Attitüde im Gesicht!“
Ein Kritiker des „Iserlohner Kreisanzeigers“ bescheinigte Grönemeyer, sein Hauptproblem bestehe darin, dass er nicht singen könne: „Man muss sich die Frage stellen, ob stimmlicher Kraftaufwand allein ausreicht, den Funken überspringen zu lassen.“
Prominent mit dem „Boot“
Die Antwort darauf gab eine der erfolgreichsten Karrieren im deutschen Musikgeschäft: Grönemeyer verkaufte über 20 Millionen Tonträger und belegte ungeachtet zahlreicher Skeptiker (und Neider) mit seinen Titeln regelmäßig Platz 1 der Charts: Diese „heisere“ Stimme ist unnachahmlich, wurde zum viel parodierten Markenzeichen.
In Göttingen geboren, begann er seine künstlerische Karriere Mitte der 1970er-Jahre als Pianist am Bochumer Schauspielhaus, wo damals Peter Zadek als Intendant das Sagen hatte, einer der erfolgreichsten, aber auch anstrengendsten Theatermacher. Insofern ging Grönemeyer als Schauspieler und Musiker früh durch eine sehr harte Schule.
1981 wurde er mit einer Hauptrolle in Wolfgang Petersens Weltkriegs-Thriller „Das Boot“ schlagartig bekannt. Grönemeyer spielte den zunächst idealistischen NS-Kriegsberichterstatter Leutnant Werner, der den U-Boot-Krieg miterlebt und darüber mehr und mehr verzweifelt.
„Ich wurde etwas blasiert“
Der ganz große Erfolg als Sänger stellte sich im Mai 1984 ein, mit dem fünften Album „4630 Bochum“. Erstmals hatte sich Grönemeyer als sein eigener Texter versucht, was ihm nach eigener Aussage nicht leicht fiel: „Ich habe alle Themen irgendwie zusammengekratzt, weil ich mich mit dem Texten total unwohl fühlte. Dann dachte ich, Bochum, das müsstest du hinkriegen, so ein paar Sätze. Ja, das müsste gehen.“ Neben dem Titellied, der schwermütig-sentimentalen Hymne auf die Malocher-Metropole Bochum, wurden die kernigen Songs „Männer“ und „Alkohol“ bis heute vielgehörte Hits.
Mit seinem Ruhm kam Grönemeyer zunächst nicht sonderlich gut klar und fühlte sich zeitweise wie in einer rotierenden „Waschmaschine“: „Da wurde ich, glaube ich, etwas blasiert, würde ich sagen. Das macht schon was mit einem. Ich hatte damals wohl etwas Schwierigkeiten mit meiner Bekanntheit. Das hatte auch was mit der extremen Unsicherheit zu tun, ich wurde ja vom Erfolg überrannt.“
Auf seinem achten Album „Luxus“ (1990) arbeitete Grönemeyer die Schattenseiten seines Erfolgs und der deutsch-deutschen Wiedervereinigung auf, etwa in den Songs „Ich will mehr“ und „Hartgeld“: „Alles ist käuflich/ Mechaniker der Macht, haben immer/ Den richtigen Schein dabei.“ Für die beste und anspruchsvollste Platte seiner Karriere hält er allerdings „Bleibt alles anders“ (1998).
„Ich habe einfach gemacht“
2018 gab sich Grönemeyer, der in Berlin lebt, angesichts des Rechtspopulismus auf dem Album „Tumult“ betont politisch, etwa in „Fall der Fälle“: „Es bräunt die Wut, es dünkelt/ Der kleine Mob macht rein/ Es ist die Angst, die glaubt, ‚Sauber muss es sein/ Und immer brenzlich, und gemein!'“
Demokratie benötige von Zeit zu Zeit „Aufrufe“, so der Künstler: „Das Gute ist, dass wir in Deutschland eine humanistische, kluge, stabile Gesellschaft haben, die sich noch zu 70, 75 Prozent positioniert gegen jedwede Form von Rechtsaußen.“
Mit 70 gibt sich Grönemeyer selbstsicher und gelassen, auch etwas hemdsärmelig, wie es im rauen Ruhrgebiet stilprägend ist: „Ich habe meinen Weg immer selbst gesucht. Ich war niemand, der extrem geträumt hat, ich möchte mal auf Bühnen stehen und Popsänger werden. Nee, ich habe einfach gemacht und war mit dem, was ich gewählt habe, immer zufrieden.“
ARD-Doku „Grönemeyer – Alles bleibt anders“ am 13. April um 20.15 Uhr im Ersten und in der Mediathek.

