Moderne Sehgewohnheiten könnten Drehbuchschreiber immer stärker unter Druck setzen, ihre Geschichten zu vereinfachen, so US-Schauspieler Matt Damon bei einem aufsehenerregenden Auftritt in der „Joe Rogan“-Talkshow [externer Link]. So hätten aufwändige Action-Filme bisher in der Regel drei Schauplätze gehabt, die zum Finale hin immer spektakulärer und damit teurer geworden seien. „Jetzt sagen sie dir: Können wir das Größte in den ersten fünf Minuten haben, um die Leute zu fesseln? Weißt du, wir wollen, dass die Leute dranbleiben, und es wäre auch nicht schlimm, wenn du die Handlung drei- oder viermal in Dialogen wiederholst, weil die Leute von ihren Handys abgelenkt sind, während sie schauen, weißt du, was ich damit meine?“, so Damon zu seinen Erfahrungen mit Streaming-Diensten.
„Die Kinder rennen rum, die Hunde rennen rum“
Jedenfalls habe es „große Auswirkungen“, auf welche Weise viele Zuschauer heutzutage Filme konsumierten: „Du sitzt in einem Zimmer, das Licht ist an, andere Dinge passieren, die Kinder rennen rum, die Hunde rennen rum, was auch immer, weißt du, was ich meine? Es ist einfach ein ganz anderes Maß an Aufmerksamkeit, das du bereit bist oder das du in der Lage bist, dem Film zu widmen.“ Der Schauspieler, der aktuell für seinen neuen Kino-Thriller „The Rip“ auf Werbetour ist, zeigte sich besorgt, dass durch diese Umstände und die Reaktion der Filmindustrie darauf zunehmend die Kunstfreiheit eingeschränkt werde: „Dann fängt das wirklich an, in die Kreativität einzugreifen, darin, wie wir erzählen.“
Gleichzeitig nannte Damon einige Filme, bei denen sich die Macher dem Drängen der Produzenten auf Vereinfachung konsequent verweigert hätten: „Es beweist, dass du diesen ganzen Scheiß nicht mitmachen musst, um die Leute zu kriegen.“ Es mache ihn zornig, wenn Regisseure viel Zeit auf die Inszenierung von Bildausschnitten verwendeten, nur um zu garantieren, dass die auch auf dem Handy gut wirkten.
Neue Drehbuch-Devise „Zeigen und Erzählen“
Er schwärmte davon, dass er mit Kindern und Neffen in ein IMAX-Kino gegangen sei, das er mit einem Kirchgang verglich, weil sich dort die (Film-)Gemeinde zu einer festgesetzten Uhrzeit getroffen habe: „Ich mag diese Art von Aufmerksamkeit viel lieber. Dieses Gefühl lässt sich von nichts übertreffen.“ Im Übrigen koste es viel mehr Überwindung, ein Filmtheater zu verlassen, als den Streaming-Kanal zu wechseln. Damon berichtete beispielhaft von Zuschauern, die vom Film „Taxi Driver“ (1976) so empört gewesen seien, dass sie das Kino verlassen wollten – es aber dann noch nicht geschafft hätten, weil sie die Handlung zu sehr gefesselt habe.
Längst beschäftigen sich Experten mit den Folgen des häufig simultanen Medienkonsums für die Erzählweise von Kinogeschichten. So zitiert die Doktorandin Daphne Rena Idiz von der Universität Toronto [externer Link] einen anonymen Filmemacher, der von einem Streaming-Anbieter den Satz gehört haben will: „Euer Publikum muss verstehen, was vor sich geht, selbst wenn es nicht auf den Bildschirm schaut.“
Die bisherige „goldene Regel“ des Drehbuchschreibens, „Zeigen, nicht erzählen“ werde verändert zur neuen Devise: „Zeigen und Erzählen“. Zwar hätten anspruchsvolle Geschichten weiterhin Platz in Film und Fernsehen, so das Fazit der Forscherin, allerdings sei etwa die Hälfte der Zuschauer permanent vom Smartphone abgelenkt: „Werden manche Serien so geschrieben, weil das Publikum zerstreut ist, oder ist das Publikum zerstreut, weil Serien so geschrieben sind?“
Zum Schauen „wird alles Mögliche genutzt“
In einer aufschlussreichen Analyse des britischen „Guardian“ [externer Link] vom August 2025 machten sich die Autoren darüber lustig, dass schon im Filmtitel alles enthalten sein müsse, was den Inhalt ausmache, so gehe es in „Tall Girl“ tatsächlich um ein groß gewachsenes Mädchen. Streaming-Bosse forderten „leicht verständliche Handlungsstränge“: „Lassen Sie die Figur ankündigen, was sie tut, damit Zuschauer, die diese Sendung im Hintergrund laufen lassen, folgen können.“
Auch ästhetisch werde zunehmend auf leichte Konsumierbarkeit geachtet: „Die Beleuchtung wirkt hell und digital, der Kontrast wird aber bewusst niedrig gehalten. Die Tonmischungen sind neutral, da sie auf verschiedenen Geräten und in unterschiedlichen Umgebungen funktionieren müssen: Von VR-Brillen bis hin zu ramponierten Handys wird alles Mögliche genutzt.“

