Wirklich leise war Berlin vermutlich nicht mal als Fischerdorf im Mittelalter, und seitdem wurde die spätere deutsche Hauptstadt in jedem Jahrhundert lauter, wie Zeitzeugen in ihren Texten bestätigen, wenn auch natürlich keine genauen Dezibel-Messungen vorliegen. Der Metropolen-Lärm der 1920er-Jahre ist heute kaum vorstellbar, hatte Berlin doch damals deutlich mehr Einwohner als heute und große Fabriken mitten in der Stadt.
Kein Vergleich zu heute und kein Wunder, dass diese sagenhafte Geräuschkulisse Film und Literatur inspirierte, auch Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. Er ist auch ein expressionistisches Tongemälde, in dem kreischende Züge, rasende Taxis, stampfende Maschinen, heisere Zeitungsausrufer und zwitschernde Vögel ihre Auftritte haben. Eigentlich verwunderlich, dass diese kontrastreiche Metropolen-Akustik bis vor wenigen Jahren keinen Komponisten dazu anspornte, Döblins Ode an die deutsche Hauptstadt zu vertonen.
Metropolentaugliche Lärmeffekte
Erst die Bielefelder Brüder Vivan und Ketan Bhatti wagten sich an eine Opernfassung des Romans, die im September 2022 am örtlichen Theater uraufgeführt und damals überwiegend positiv aufgenommen (Kritiker sprachen von einem „rauschenden Erfolg“, externer Link), ja sogar ausgezeichnet wurde. Doch die Inszenierung am Salzburger Landestheater überzeugte jetzt nur teilweise, und das lag gewiss nicht am Regieteam unter Nuran David Calis und Dirigent Leslie Suganadarajah.
Beide gaben sich alle Mühe, den knapp dreistündigen Abend fesselnd zu bebildern und der Musik dramatische Kraft zu geben. Allein: Eine Geräuschkulisse, und sei sie noch so abwechslungsreich, erzählt noch keine mitreißende Geschichte. Vivan und Ketan Bhatti scheuen keinen metropolentauglichen Lärmeffekt, lassen die Trommeln und Blechbläser unablässig wüten, doch ihre Partitur bleibt merkwürdig belanglos, hat keinerlei Innenspannung.
Mal banal, mal unfreiwillig komisch
Kein Vergleich zum „Wozzeck“ von Alban Berg (1925), wo es ja auch um einen sozialen Außenseiter auf dem Weg nach ganz unten geht. Was außerdem enttäuscht: Viel zu selten wird die Musik der 1920er-Jahre zitiert, die Berlin so nachhaltig prägte. Sie war amerikanisch dominiert, mit tanzbarem Jazz und Charleston, natürlich auch expressionistisch, was die Begleitmusik zu den damaligen Stummfilmen betrifft. Das klang vor allem immer auch ironisch, was der allzu schwergängigen und drögen Oper „Berlin Alexanderplatz“ völlig abgeht.
Sie ergeht sich in faden Soundkulissen zu einem mäßig spannenden Textbuch von Christiane Neudecker. Ihr Problem: Sie musste Döblins ausufernde Reflexionen über den ewigen Kreislauf der Natur, über Gut und Böse, Werden und Vergehen auf wenige Sätze verdichten, was mal banal, mal unfreiwillig komisch wirkte. Die NS-Diktatur konnte Alfred Döblin 1927, als er seinen Roman schrieb, nicht voraussehen – ganz im Gegenteil, es waren die „goldenen Jahre“ der Weimarer Republik. Insofern mutet es etwas anachronistisch an, diese Oper mit dem Stechschritt einer Marschkolonne enden zu lassen, sowie einem allzu floskelhaften, weil naheliegenden Aufruf zur „Wachsamkeit“.
Suche nach angemessener Tonsprache für Berlin
Immerhin, das Bühnenbild von Anne Ehrlich, eine schäbige großstädtische Wohnlandschaft, beeindruckte als bittere Satire: Einsame Menschen putzen sich die Zähne, stieren in die Leere oder gehen sich gegenseitig an die Gurgel. Neben dem viel beschäftigten Chor überzeugten die Solisten durchweg, wenngleich dem Erzähler Axel Meinhardt ein besser ausgesteuertes Mikrofon zu wünschen gewesen wäre. George Humphreys war als Franz Biberkopf weniger ein bemitleidenswerter Sozialfall als eine marionettenähnliche Jahrmarktsfigur, die hilflos an den Fäden des Schicksals zappelt. Sehr authentisch und schön fies: Alexander Kaimbacher als frauenverschlingender und intriganter Bösewicht Reinhold.
Fazit: Als Sozialstudie hat sich „Berlin Alexanderplatz“ überlebt, als überwältigende Großstadt-Symphonie bleibt der Roman lesenswert und aktuell. Nach der angemessenen musikalischen Tonsprache dafür wurde schon oft gesucht, etwa von Gottfried Huppertz („Metropolis“) und Edmund Meisel („Symphonie der Großstadt“). Selbst der junge Kurt Weill schrieb eine „Berliner Sinfonie“, die er sich „breit und wuchtig“ vorstellte. Ob das als Oper funktioniert? Fraglich!
Wieder am 14., 17. und 30. April 2026 am Salzburger Landestheater. Weitere Termine bis 21. Mai 2026.

